Vitamin B1 (Thiamin): Wirkung, Mangel & Vorkommen

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Herkunft und Beschreibung

Vitamin B1, chemisch Thiamin (in älterer Literatur auch „Aneurin“), ist ein wasserlösliches Vitamin aus der Gruppe der B-Vitamine. Der Körper kann es nicht selbst herstellen und ist auf eine regelmäßige Zufuhr über die Nahrung angewiesen. Da Thiamin nur in geringen Mengen gespeichert wird, macht sich eine unzureichende Versorgung vergleichsweise rasch bemerkbar – schneller als bei vielen anderen Vitaminen.

Chemisch besteht Thiamin aus zwei ringförmigen Bausteinen, einem Pyrimidin- und einem schwefelhaltigen Thiazolring, die über eine Brücke verbunden sind. Der Schwefel gab dem Molekül seinen Namen („Thio-“). Thiamin ist hitzeempfindlich, wird in alkalischem Milieu – etwa beim Kochen mit Natron – und durch das Konservierungsmittel Sulfit zerstört und geht beim Garen ins Kochwasser über. In Nahrungsergänzungsmitteln wird es meist als Thiaminhydrochlorid oder Thiaminmononitrat eingesetzt. Daneben gibt es fettlösliche Abkömmlinge wie Benfotiamin, das im Darm besser aufgenommen wird als die wasserlösliche Form.

Aufbau und Wirkungsweise

Im Körper wird Thiamin vor allem in seine aktive Form Thiamindiphosphat (auch Thiaminpyrophosphat) umgewandelt. Als Coenzym ist es an mehreren Schlüsselreaktionen des Stoffwechsels beteiligt:

  • Pyruvat-Dehydrogenase: verbindet den Abbau von Kohlenhydraten mit dem Zitronensäurezyklus – ohne Thiamin kann Traubenzucker nicht vollständig zur Energiegewinnung genutzt werden.
  • Alpha-Ketoglutarat-Dehydrogenase: ein zentraler Schritt im Zitronensäurezyklus selbst.
  • Transketolase: ein Enzym des Pentosephosphatwegs, über den Bausteine für die Erbsubstanz und Reduktionsäquivalente bereitgestellt werden. Ihre Aktivität in den roten Blutkörperchen dient bis heute als Messgröße für den Thiaminstatus.
  • Abbau verzweigtkettiger Aminosäuren (Leucin, Isoleucin, Valin).

Weil Nervenzellen und Herzmuskel ihren Energiebedarf überwiegend aus Glukose decken, reagieren gerade sie empfindlich auf einen Thiaminmangel. Das erklärt, warum die typischen Mangelerkrankungen Nerven, Gehirn und Herz betreffen. Die früher verbreitete Aussage, Thiamin sei an der Bildung von Magensäure beteiligt oder wirke nennenswert als Antioxidans, ist wissenschaftlich nicht belegt.

Heilwirkung

Anwendungsbereiche und gesundheitliche Vorteile:

  • Behandlung eines Mangels – die gesicherte Anwendung: Thiamin behebt Beriberi und ist die Standardtherapie des Wernicke-Korsakow-Syndroms.
  • Energiemangel und Müdigkeit – Thiamin trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel bei; Müdigkeit bessert sich aber nur, wenn tatsächlich ein Mangel die Ursache ist.
  • Neurologische Funktion – das Vitamin trägt zu einer normalen Funktion des Nervensystems bei; ein Mangel kann Nervenschäden und Gedächtnisstörungen verursachen.
  • Herzfunktion – Thiamin trägt zu einer normalen Herzfunktion bei; ein schwerer Mangel kann eine Herzschwäche auslösen. Einen vorbeugenden Nutzen gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei guter Versorgung belegen Studien nicht.
  • Psyche und Belastung – Thiamin trägt zu einer normalen psychischen Funktion bei; dass zusätzliche Gaben bei ausreichender Versorgung Stress abbauen, ist nicht gezeigt.
  • Verdauung – ein Mangel kann mit Appetitlosigkeit, Übelkeit und Verdauungsbeschwerden einhergehen; eine darüber hinausgehende Wirkung auf die Verdauung ist nicht belegt.

Beriberi und Wernicke-Korsakow-Syndrom

Die klassische Mangelkrankheit heißt Beriberi. Bei der „trockenen“ Form stehen Nervenschäden im Vordergrund: Kribbeln und Brennen in den Füßen, abgeschwächte Reflexe, Muskelschwäche bis hin zu Lähmungen – das Bild einer Polyneuropathie. Die „feuchte“ Form betrifft das Herz-Kreislauf-System mit Herzrasen, Herzvergrößerung, Wassereinlagerungen, Atemnot und schließlich Herzversagen.

In Mitteleuropa ist ein schwerer Thiaminmangel heute vor allem bei Alkoholabhängigkeit zu finden, weil Alkohol die Aufnahme im Darm und die Verwertung stört und die Ernährung oft einseitig ist. Folge kann die Wernicke-Enzephalopathie sein – ein Notfall mit Verwirrtheit, Gangunsicherheit und Störungen der Augenbewegungen. Bleibt sie unbehandelt, droht das Korsakow-Syndrom mit bleibenden schweren Gedächtnisstörungen. Thiamin gilt seit über 50 Jahren als Mittel der Wahl; welche Dosis und Dauer optimal sind, ist nach einer Cochrane-Übersicht von Day und Kollegen (2013) mangels guter Studien allerdings bis heute nicht sicher geklärt. Die Behandlung erfolgt ärztlich, meist zunächst als Infusion oder Injektion.

Thiamin bei Diabetes

Menschen mit Diabetes haben häufig niedrige Thiaminspiegel im Blutplasma. Eine Untersuchung von Thornalley und Kollegen (2007) fand bei Typ-1- und Typ-2-Diabetikern um rund drei Viertel erniedrigte Plasmawerte, verbunden mit einer erhöhten Ausscheidung über die Nieren. Ob zusätzliche Thiamin- oder Benfotiamin-Gaben diabetische Folgeschäden wie Nervenschmerzen verhindern oder lindern, wird untersucht; die Ergebnisse sind uneinheitlich. Den Blutzucker selbst reguliert Thiamin nicht – entgegen manchen Darstellungen.

Vorkommen in Lebensmitteln

Thiamin ist in vielen Lebensmitteln enthalten, aber meist in kleinen Mengen. Gute Lieferanten sind:

  • Schweinefleisch – eines der thiaminreichsten Lebensmittel überhaupt,
  • Vollkornprodukte und Haferflocken – das Vitamin sitzt in den Randschichten und im Keimling des Korns,
  • Hülsenfrüchte wie Erbsen, Bohnen und Linsen,
  • Nüsse und Samen, etwa Sonnenblumenkerne,
  • Hefe sowie einige Fischarten.

Beim Ausmahlen zu Weißmehl und beim Polieren von Reis geht der größte Teil des Thiamins verloren – genau das war die Ursache der Beriberi-Epidemien in Asien. Rohe Süßwasserfische, Schalentiere und Farne enthalten zudem Thiaminasen, Enzyme, die das Vitamin abbauen; Erhitzen macht sie unwirksam. Sehr große Mengen an Tee oder Kaffee (auch entkoffeiniert) können den Thiaminstatus ebenfalls verschlechtern. Schonendes Garen mit wenig Wasser und die Verwendung des Kochwassers helfen, Verluste gering zu halten.

Bedarf und Laborwerte

Der Thiaminbedarf richtet sich nach dem Energieumsatz. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat 2016 als Referenzwert für die Zufuhr bei Erwachsenen 0,1 Milligramm je Megajoule Nahrungsenergie bestätigt (0,4 mg je 1.000 kcal). Das entspricht je nach Energiebedarf etwa 0,8 bis 1,2 mg pro Tag. Derselbe Wert pro Megajoule gilt für Kinder, Schwangere und Stillende. Für die Nährwertkennzeichnung in der EU ist ein Referenzwert von 1,1 mg festgelegt.

Ein Mangel wird über die Aktivität der Transketolase in den roten Blutkörperchen oder über die Messung von Thiamindiphosphat im Vollblut festgestellt. Erhöhten Bedarf oder ein erhöhtes Mangelrisiko haben insbesondere:

  • Menschen mit hohem Alkoholkonsum,
  • Patientinnen und Patienten nach Magenverkleinerung oder mit chronischen Darmerkrankungen und Aufnahmestörungen,
  • Menschen mit Diabetes sowie Dialysepatienten,
  • Personen unter langfristiger Behandlung mit Entwässerungsmitteln (Schleifendiuretika wie Furosemid), etwa bei Herzschwäche,
  • Schwangere mit anhaltendem schwerem Erbrechen (Hyperemesis),
  • ältere Menschen mit sehr geringer Nahrungsaufnahme.

Anwendung und Dosierung

Bei ausgewogener Ernährung ist der Bedarf in der Regel gedeckt. Nahrungsergänzungsmittel enthalten Thiamin meist allein oder als Teil eines B-Komplexes; die Dosierung richtet sich nach der Packungsangabe. Bei unklarer Müdigkeit sollte zuerst die Ursache geklärt werden, bevor man Vitamine auf Verdacht einnimmt – mögliche Hinweise gibt auch unsere Seite zu Vitaminmangel.

Die Behandlung eines nachgewiesenen Mangels, einer Wernicke-Enzephalopathie oder die vorbeugende Gabe bei Alkoholabhängigkeit gehören in ärztliche Hände. Dort werden deutlich höhere Dosen eingesetzt, teils als Infusion. Ein bekannter klinischer Grundsatz lautet, Menschen mit Mangelrisiko Thiamin vor oder zusammen mit Traubenzuckerinfusionen zu geben, weil Glukose ohne ausreichend Thiamin eine Wernicke-Enzephalopathie auslösen oder verschlimmern kann.

Hilft Vitamin B1 gegen Gelsen?

Die Einnahme von Vitamin B1 oder B-Komplex wird häufig als „Hausmittel“ gegen Gelsenstiche empfohlen. Eine Untersuchung von Ives und Paskewitz (2005) fand jedoch keinen Einfluss der Vitamin-B-Einnahme darauf, wie anziehend die Haut für Stechmücken war. Als Mückenschutz ist Thiamin daher nicht geeignet.

Geschichte und Überlieferungen

Die Geschichte des Vitamins B1 ist die Geschichte der Beriberi. Im 19. Jahrhundert verbreitete sich die Krankheit in Asien mit dem polierten weißen Reis. Der japanische Marinearzt Kanehiro Takaki stellte in den 1880er-Jahren fest, dass eine abwechslungsreichere Kost mit Gerste, Fleisch und Milch die Beriberi in der Flotte weitgehend verschwinden ließ – er vermutete allerdings einen Eiweißmangel als Ursache.

Der niederländische Arzt Christiaan Eijkman beobachtete in den 1890er-Jahren auf Java, dass Hühner, die mit poliertem Reis gefüttert wurden, an einer Nervenentzündung erkrankten, während Hühner mit ungeschältem Reis gesund blieben. Für diese Entdeckung erhielt er 1929 den Nobelpreis für Medizin. Der polnische Biochemiker Casimir Funk prägte 1912 auf Grundlage von Extrakten aus Reiskleie den Begriff „Vitamine“ – lebensnotwendige Amine. Reines Thiamin isolierte er dabei noch nicht: Dies gelang 1926 Barend Jansen und Willem Donath in kristalliner Form. Robert R. Williams klärte in den 1930er-Jahren die Struktur auf und entwickelte 1936 eine Synthese, die die Anreicherung von Mehl und die gezielte Behandlung von Mangelzuständen möglich machte.

Gegenanzeigen und Wechselwirkungen

Thiamin aus Lebensmitteln und in üblichen Dosierungen gilt als sehr gut verträglich. Überschüsse werden über die Nieren ausgeschieden; eine tolerierbare Höchstmenge wurde mangels nachgewiesener Schadwirkungen nicht festgelegt. Zu beachten sind dennoch:

  • Allergische Reaktionen: sehr selten, vor allem bei Injektionen oder Infusionen hoher Dosen; dabei wurden in Einzelfällen schwere Überempfindlichkeitsreaktionen beschrieben.
  • Arzneimittel, die den Thiaminstatus senken: Schleifendiuretika (z. B. Furosemid) erhöhen die Ausscheidung, das Antiepileptikum Phenytoin kann die Blutspiegel senken, das Krebsmedikament 5-Fluorouracil hemmt die Aktivierung des Vitamins.
  • Alkohol verschlechtert Aufnahme und Verwertung – zusätzliche Vitamine gleichen die Schäden eines hohen Alkoholkonsums nicht aus.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Der Bedarf steigt mit dem Energiebedarf leicht an und ist mit ausgewogener Ernährung meist gedeckt. Präparate nur nach Rücksprache mit Ärztin, Arzt oder Apotheke einnehmen.
  • Kinder: Nahrungsergänzungsmittel nur nach ärztlicher Empfehlung.

Warnzeichen: Plötzliche Verwirrtheit, Gangunsicherheit oder Sehstörungen bei Menschen mit hohem Alkoholkonsum, nach Magenoperationen oder bei anhaltendem Erbrechen sind ein Notfall und erfordern sofortige ärztliche Hilfe. Auch neu auftretende Taubheitsgefühle, Muskelschwäche, Atemnot oder Wassereinlagerungen in den Beinen sollten ärztlich abgeklärt werden.

Regulatorische Einordnung in der EU

Für Thiamin sind in der EU gesundheitsbezogene Angaben zugelassen: Es trägt zu einem normalen Energiestoffwechsel, zu einer normalen Funktion des Nervensystems, zu einer normalen psychischen Funktion und zu einer normalen Herzfunktion bei. Diese Aussagen beschreiben die physiologische Rolle des Vitamins – sie bedeuten nicht, dass zusätzliche Gaben bei guter Versorgung einen weiteren Nutzen bringen.

Häufige Fragen und Antworten

  1. Welche Lebensmittel sind reich an Vitamin B1?
    Gute natürliche Quellen für Vitamin B1 sind Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und Schweinefleisch.
  2. Kann ein Thiaminmangel ernsthafte Gesundheitsprobleme verursachen?
    Ja, ein schwerer Mangel kann zu Beriberi führen, einer Erkrankung mit schwerwiegenden neurologischen und kardiologischen Symptomen.
  3. Welche Tagesdosis an Vitamin B1 wird empfohlen?
    Die EFSA nennt für Erwachsene einen Referenzwert von 0,1 mg je Megajoule Nahrungsenergie – je nach Energiebedarf etwa 0,8 bis 1,2 mg pro Tag. Der EU-Referenzwert für die Nährwertkennzeichnung liegt bei 1,1 mg.
  4. Kann Vitamin B1 bei der Behandlung von Alkoholismus helfen?
    Thiamin behandelt nicht die Alkoholabhängigkeit selbst. Bei hohem Alkoholkonsum ist es aber besonders wichtig, weil Alkohol Aufnahme und Verwertung stört und ein Mangel zum Wernicke-Korsakow-Syndrom führen kann. Die Gabe erfolgt in diesen Fällen ärztlich, oft zunächst als Infusion oder Injektion.
  5. Kann ich Vitamin-B1-Präparate zusammen mit anderen Vitaminen einnehmen?
    Ja, Vitamin B1 wird häufig gemeinsam mit anderen B-Vitaminen eingenommen und ist dabei gut verträglich. Bei Dauermedikation oder bestehenden Erkrankungen empfiehlt sich eine Rücksprache in Apotheke oder Arztpraxis.

Quellen und weiterführende Informationen

Die oben genannten Informationen sind allgemein gehalten und ersetzen nicht die Beratung durch medizinisches Fachpersonal.


Christoph Zauner, Drogist und Inhaber Kräutermax

Über den Autor

Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax

Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.

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