Rizinusöl – Wirkung, Inhaltsstoffe & Anwendung

Herkunft und Gewinnung

Rizinusöl ist das fette Öl aus den Samen des Wunderbaums (Ricinus communis L.), einer Art aus der Familie der Wolfsmilchgewächse (Euphorbiaceae). Die Pflanze stammt vermutlich aus Ostafrika und wird heute in zahlreichen tropischen und subtropischen Regionen angebaut; in wärmeren Klimazonen wächst sie auch verwildert oder wird als Zierpflanze kultiviert. Für die Ölgewinnung sind ausschließlich die Samen von Bedeutung – und genau diese Unterscheidung zwischen Samen und Öl zieht sich als roter Faden durch diesen Beitrag.

Die Samen enthalten je nach Herkunft und Sorte etwa 42 bis 55 Prozent fettes Öl. Grundsätzlich lässt sich dieses Öl auf zwei Wegen gewinnen: durch Extraktion mit einem Lösungsmittel oder durch mechanisches Zerkleinern, Mahlen und Pressen. Für arzneilich und pharmazeutisch verwendetes Rizinusöl akzeptiert das Europäische Arzneibuch (Ph. Eur.) ausdrücklich nur das durch Kaltpressung gewonnene Öl. Die Monographie Ricini oleum virginale (Ph. Eur. 01/2013:0051) schreibt dabei vor, dass die Temperatur des Öls während des Pressvorgangs 50 °C nicht überschreiten darf. Daneben führt das Europäische Arzneibuch zwei weitere Monographien: Ricini oleum raffinatum (01/2013:2367) für raffiniertes Rizinusöl und Ricini oleum hydrogenatum (01/2008:1497) für gehärtetes Öl.

Hochwertige Qualitäten entstehen durch Kaltpressung geschälter Samen. Das rein mechanische Pressen ist schonend, aber wenig ergiebig: Es setzt nur rund 45 Prozent des vorhandenen Öls frei, während mit erhitzter hydraulischer Pressung Ausbeuten bis etwa 80 Prozent erreichbar sind. Im zurückbleibenden Presskuchen verbleiben typischerweise noch rund 10 Prozent Öl, das industriell mit Lösungsmitteln nachextrahiert wird. Kaltgepresstes Rizinusöl weist im Vergleich zu lösungsmittelextrahiertem Öl eine niedrigere Säure- und Iodzahl auf und ist heller in der Farbe. Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur betrachtet natives und raffiniertes Rizinusöl als vergleichbar, weil sich die Raffination nur auf Verunreinigungen auswirkt und keine Auswirkungen auf Sicherheit und Wirksamkeit hat.

Für die kosmetische Verwendung trägt das Öl die internationale Bezeichnung Ricinus Communis Seed Oil. Fertige kosmetische Mittel, die in der EU (vorwiegend in AT und DE) hergestellt oder in Verkehr gebracht werden, unterliegen den Anforderungen der EU-Kosmetikverordnung – dazu weiter unten mehr.

Inhaltsstoffe

Chemisch ist Rizinusöl ein Gemisch aus Triglyceriden, das durch einen ungewöhnlich hohen Gehalt an Ricinolein geprägt ist – dem Triglycerid der Ricinolsäure (12-Hydroxy-9-octadecensäure). Diese Fettsäure macht Rizinusöl unter den pflanzlichen Ölen zu einem Sonderfall: Sie trägt zusätzlich zur Doppelbindung eine Hydroxylgruppe am Kohlenstoffatom 12, was dem Öl seine hohe Viskosität und sein besonderes Löslichkeitsverhalten verleiht.

Das Europäische Arzneibuch legt für Rizinusöl folgende Zusammensetzung fest:

  • Ricinolsäure: 85–92 %
  • Linolsäure: 2,5–7,0 %
  • Ölsäure und Isomere: 2,5–6,0 %
  • Stearinsäure: höchstens 2,5 %
  • Palmitinsäure: höchstens 2 %
  • Linolensäure: höchstens 1 %
  • Eicosensäure: höchstens 1 %
  • jede weitere Fettsäure: höchstens 1 %

In der wissenschaftlichen Literatur werden für den Ricinolsäureanteil je nach Untersuchung Werte zwischen etwa 87 und 95 Prozent berichtet; die gängige Faustzahl „rund 90 Prozent" trifft die Realität also gut. Daneben sind in geringen Mengen Vitamin E (Tocopherole), β-Sitosterol sowie Lipase-Aktivität beschrieben.

Zwei Inhaltsstoffe des Samens verdienen besondere Aufmerksamkeit, weil sie regelmäßig mit dem Öl verwechselt werden:

  • Ricin – ein Lektin (Glykoprotein) aus zwei über eine Disulfidbrücke verbundenen Polypeptidketten (A-Kette rund 30 kDa, B-Kette rund 32 kDa, Gesamtmasse etwa 63.000). Der berichtete Ricingehalt der Rizinussamen liegt zwischen 1 und 5 Prozent. Ricin gilt als eines der stärksten bekannten natürlichen Gifte.
  • Ricinin – ein Piperidin-Alkaloid, das in kleinen Mengen (0,3–0,8 %) in Samen und Blättern vorkommt.

Der entscheidende Punkt: Beide Stoffe finden sich im Samen, nicht im Öl. Warum das so ist, wird im Abschnitt zu Gegenanzeigen ausführlich erklärt.

Anwendungsgebiete in Medizin und Hautpflege

Bei Rizinusöl treffen zwei völlig getrennte Anwendungswelten aufeinander, die auch rechtlich unterschiedlich behandelt werden: die innerliche Anwendung als Arzneimittel und die äußerliche Anwendung in kosmetischen Mitteln. Wer beides vermischt, zieht schnell falsche Schlüsse.

Innerliche Anwendung: Rizinusöl als Arzneimittel

Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur hat am 2. Februar 2016 eine EU-Pflanzenmonographie zu Ricinus communis L., oleum verabschiedet (Referenz EMA/HMPC/572974/2014). Bemerkenswert daran ist die Einstufung: Rizinusöl wurde nicht als „traditional use" eingeordnet, sondern auf Grundlage von Artikel 10a der Richtlinie 2001/83/EG als „well-established use" – also als Anwendung, für die eine allgemein anerkannte wissenschaftliche Datenlage besteht. Das ist bei pflanzlichen Zubereitungen keine Selbstverständlichkeit.

Die in der Monographie festgelegte Indikation lautet wörtlich: „Laxative for short term use in cases of occasional constipation" – ein Abführmittel zur kurzzeitigen Anwendung bei gelegentlicher Verstopfung. Zugeordnet ist Rizinusöl der pharmakotherapeutischen Gruppe der Kontaktlaxanzien mit dem vorgeschlagenen ATC-Code A06AB05.

Der Wirkmechanismus ist gut beschrieben: Rizinusöl wird im Dünndarm durch Pankreaslipasen gespalten, wobei Glycerol und Ricinolsäure freigesetzt werden. Ricinolsäure, der eigentlich wirksame Metabolit, verringert als anionisches Tensid die Netto-Resorption von Flüssigkeit und Elektrolyten und regt die Darmperistaltik an. Der Stuhlgang setzt üblicherweise nach 2 bis 6 Stunden ein. Ricinolsäure wird anschließend zu Epoxydicarbonsäuren verstoffwechselt und über den Urin ausgeschieden.

Wichtig für die Einordnung: Diese Anwendung fällt unter das Arzneimittelrecht. Ein als Kosmetikum oder als Lebensmittel angebotenes Rizinusöl darf mit einer abführenden Zweckbestimmung nicht beworben werden.

Anwendungsgebiete in der Hautpflege

Äußerlich wird Rizinusöl seit Langem in Cremes, Lippenpflegeprodukten, dekorativer Kosmetik wie Wimperntusche, in Haarpflegemitteln und in der Seifenherstellung eingesetzt. Auch die Fachliteratur, auf die sich der EMA-Bewertungsbericht stützt, beschreibt Rizinusöl als hautberuhigend und als Emolliens und weist darauf hin, dass es Bestandteil zahlreicher kosmetischer und ophthalmologischer Zubereitungen ist.

Aus kosmetischer Sicht sind es vor allem physikalische Eigenschaften, die Rizinusöl interessant machen: Es ist deutlich zähflüssiger als die meisten anderen Pflanzenöle, bildet einen gut haftenden Film und wird deshalb als okklusiver, glättender Bestandteil verwendet. In Pflegeprodukten für trockene Haut steht dieser filmbildende Charakter im Vordergrund. In der Seifenherstellung liefert Rizinusöl über das Natriumricinoleat einen charakteristischen, feinporigen Schaum.

Wer ein leichteres Hautgefühl bevorzugt, kombiniert Rizinusöl häufig mit dünnflüssigeren Ölen – etwa mit Mandelöl, Jojobaöl oder Arganöl. Für sehr beanspruchte Hautpartien wird es traditionell auch mit festeren Pflegefetten wie Sheabutter verarbeitet, etwa in Zubereitungen für strapazierte Fersen.

Wimpern und Haare: was die Datenlage wirklich hergibt

Kaum eine Behauptung wird rund um Rizinusöl so oft wiederholt wie die, es lasse Wimpern, Augenbrauen und Kopfhaar nachwachsen oder dichter werden. Diese Aussage wird hier bewusst nicht übernommen, denn sie ist nicht belegt.

Weder die EU-Pflanzenmonographie noch der zugehörige, 45-seitige Bewertungsbericht der EMA führen eine wachstumsfördernde Anwendung am Haarfollikel auf. Der Bewertungsbericht listet für die überlieferte äußerliche Verwendung ausschließlich entzündliche Hautzustände, Furunkel, Karbunkel, Abszesse, Mittelohrentzündungen und Kopfschmerzen (als Umschlag) – Haar- oder Wimpernwachstum kommt darin nicht vor. Kontrollierte klinische Studien, die einen Wachstumseffekt am Haarfollikel zeigen würden, sind uns nicht bekannt; wir haben bewusst darauf verzichtet, hier eine Quelle anzuführen, die wir nicht prüfen konnten.

Was physikalisch plausibel bleibt, ist etwas anderes: Als zähes, okklusives Öl legt sich Rizinusöl um den vorhandenen Haarschaft, kann den Feuchtigkeitsverlust verringern und mechanischen Bruch reduzieren. Wimpern und Haare können dadurch voller und glänzender wirken. Das ist ein kosmetischer Effekt an bereits vorhandenem Haar – und kein neues Haarwachstum. Wer sich mit den Ursachen von Haarverlust beschäftigt, findet dazu Hintergründe in unserem Beitrag zu Brennnesselsamen und zu Kieselerde.

Ein praktischer Hinweis: Bei der Anwendung an der Lidkante gelangt das Öl fast zwangsläufig in Kontakt mit dem Auge. Rizinusöl sollte dort nur sehr sparsam und mit sauberem Applikator verwendet werden; bei Rötung, Brennen oder verschwommenem Sehen ist die Anwendung zu beenden. Kontaktlinsen sollten vorher entfernt werden.

Regulatorische Einordnung in der EU

Rizinusöl bewegt sich in drei getrennten Rechtsrahmen, die nicht miteinander vermischt werden dürfen:

  • Als Arzneimittel gilt die Richtlinie 2001/83/EG; hierfür existiert die oben beschriebene EU-Pflanzenmonographie mit der Indikation „Abführmittel zur kurzzeitigen Anwendung bei gelegentlicher Verstopfung".
  • Als kosmetisches Mittel gilt die Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel, die seit dem 11. Januar 2012 unmittelbar in allen Mitgliedstaaten anwendbar ist. Kosmetische Mittel sind nach Artikel 2 dieser Verordnung „Stoffe oder Gemische, die dazu bestimmt sind, äußerlich mit den Teilen des menschlichen Körpers (Haut, Behaarungssystem, Nägel, Lippen und äußere intime Regionen) oder mit den Zähnen und den Schleimhäuten der Mundhöhle in Berührung zu kommen, und zwar zu dem ausschließlichen oder überwiegenden Zweck, diese zu reinigen, zu parfümieren, ihr Aussehen zu verändern, sie zu schützen, sie in gutem Zustand zu halten oder den Körpergeruch zu beeinflussen". Für Werbeaussagen gilt Artikel 20 in Verbindung mit der Verordnung (EU) Nr. 655/2013, die sechs gleichrangige gemeinsame Kriterien festlegt: Einhaltung der Rechtsvorschriften, Wahrheitstreue, Belegbarkeit, Redlichkeit, Lauterkeit und fundierte Entscheidungsfindung. Eine kosmetische Aussage zum Haarwachstum müsste nach dem Kriterium der Belegbarkeit durch hinreichende und überprüfbare Nachweise gestützt sein – genau daran fehlt es.
  • Zugelassene gesundheitsbezogene Angaben nach der Health-Claims-Verordnung (VO (EG) Nr. 1924/2006) betreffen ausschließlich Lebensmittel. Für Rizinusöl existiert keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe. Das ist keine Schwäche des Rohstoffs, sondern schlicht die Folge davon, dass Rizinusöl in der EU arzneilich und kosmetisch, nicht aber als Nährstoff bewertet wird.

Anwendung und Dosierung

Innerliche (arzneiliche) Anwendung – ausschließlich nach den Vorgaben der EU-Pflanzenmonographie:

  • Erwachsene und ältere Menschen: Tagesdosis 2–5 g (entspricht 2,1–5,3 ml) als Einzeldosis. In der Regel genügt die Anwendung 2- bis 3-mal pro Woche.
  • Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: Die Anwendung wird nicht empfohlen, da für diese Altersgruppe keine ausreichenden Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit vorliegen.
  • Anwendungsdauer: Eine Anwendung über mehr als eine Woche erfordert ärztliche Aufsicht. Bestehen die Beschwerden während der Anwendung fort, ist eine Ärztin, ein Arzt oder eine Apotheke zu konsultieren.
  • Art der Anwendung: zum Einnehmen. Der Wirkeintritt liegt zwischen 2 und 6 Stunden.

Die Monographie mahnt ausdrücklich zur Zurückhaltung: Eine dauerhafte Anwendung von Abführmitteln ist zu vermeiden. Werden täglich Laxanzien benötigt, sollte die Ursache der Verstopfung abgeklärt werden. Werden stimulierende Abführmittel über einen längeren Zeitraum eingenommen, kann dies zu einer beeinträchtigten Darmfunktion führen. Rizinusöl sollte nur dann verwendet werden, wenn sich mit einer Ernährungsumstellung oder mit quellenden Ballaststoffen kein Erfolg erzielen lässt. Sanftere Alternativen aus dem Bereich der Quellstoffe sind etwa Flohsamenschalen; ein weiteres traditionelles pflanzliches Abführmittel ist die Faulbaumrinde.

Äußerliche (kosmetische) Anwendung:

  • Als Pflegeöl: Wegen der hohen Viskosität genügen wenige Tropfen. Rizinusöl lässt sich gut mit leichteren Ölen verschneiden, um es besser verteilbar zu machen.
  • Als Haarkur: sparsam in Längen und Spitzen einarbeiten, einwirken lassen und gründlich ausshampoonieren – reines Rizinusöl lässt sich sonst nur schwer wieder aus dem Haar lösen.
  • Verträglichkeitstest: Vor der erstmaligen großflächigen Anwendung empfiehlt sich ein Test in der Ellenbeuge über 24 Stunden.
  • Lagerung: kühl, dicht verschlossen und vor Licht geschützt; wie alle fetten Öle kann auch Rizinusöl ranzig werden.

Geschichte und Hintergrund

Der Wunderbaum zählt zu den am längsten genutzten Nutzpflanzen überhaupt. Er trug im Lateinischen den Namen Palma Christi und war bereits im alten Ägypten sowie bei Griechen und Römern in Gebrauch. Über die Jahrhunderte wanderte Rizinusöl in nahezu alle bedeutenden Arzneibücher: Der British Pharmaceutical Codex von 1979 führte fünf Zubereitungen auf, von denen drei innerlich als Abführmittel bestimmt waren; die Polnische Pharmakopöe von 1970 nannte Einzeldosen von 5–20 g, die Rumänische Pharmakopöe X aus dem Jahr 1998 ebenfalls 5–20 g für Erwachsene.

Der EMA-Bewertungsbericht dokumentiert auch, wie lange Rizinusöl in Europa als Arzneimittel im Verkehr ist: im Vereinigten Königreich als Laxans seit 1968, in Deutschland zur kurzzeitigen Anwendung bei Verstopfung seit 1976, in Lettland seit 1998 (und seit 1967 in der früheren Sowjetunion) unter anderem zur Darmentleerung vor radiologischen Untersuchungen, in Estland seit 2001. In Polen reicht die dokumentierte Verwendung sogar bis in eine Verordnung des Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 1938 zurück. Genau diese lange und breite Anwendungsdokumentation ist der Grund für die Einstufung als „well-established use".

Historisch wurde Rizinusöl außerdem zur Geburtseinleitung eingesetzt – eine Verwendung, die in einer medizinischen Fachzeitschrift bereits 1934 beschrieben wurde und die auch die WHO-Monographie von 1997 unter den traditionellen Anwendungen aufführt. Nach heutigem Kenntnisstand ist diese Anwendung ausdrücklich nicht mehr zu empfehlen (siehe Gegenanzeigen).

Ein eigenes Kapitel schrieb der zweite berühmte Inhaltsstoff der Pflanze: 1888 führte der Forscher Stillmark die Giftigkeit der Rizinussamen erstmals auf das Lektin Ricin zurück. Ricin fällt bis heute als Nebenprodukt der weltweiten Rizinusölproduktion an – und ist wegen seiner Toxizität, seiner Verfügbarkeit und der einfachen Gewinnung als potenzieller biologischer Kampfstoff Gegenstand internationaler Aufmerksamkeit.

Gegenanzeigen und Wechselwirkungen

Ricin: der entscheidende Unterschied zwischen Samen und Öl

Die Rizinuspflanze bringt eines der stärksten bekannten Pflanzengifte hervor – und dennoch gilt das daraus gewonnene Öl als ricinfrei. Der Grund ist chemisch bemerkenswert einfach:

Ricin ist ein wasserlösliches Protein. Beim Pressen der Samen geht es deshalb nicht in die fettlösliche Ölphase über, sondern verbleibt vollständig im Presskuchen, dem sogenannten Samenrückstand. Der EMA-Bewertungsbericht formuliert das eindeutig: Nach der Abtrennung des Öls verbleibt Ricin im Samenmark, weshalb Rizinusöl nicht als ricinhaltig gilt. Zum selben Ergebnis kommt eine Sicherheitsbewertung des Cosmetic Ingredient Review Expert Panel aus dem Jahr 2007. Die EU-Pflanzenmonographie stellt zusätzlich klar, dass sie ausdrücklich nur das Öl abdeckt, nicht die Samen selbst.

Für die Samen gilt hingegen höchste Vorsicht. Der Ricingehalt der Rizinusbohne liegt bei bis zu 5 Prozent. Nach der Auswertung realer Vergiftungsfälle reicht die Spanne der aufgenommenen Samenmengen, die zu leichten bis schweren und auch tödlichen Verläufen führten, von einzelnen Samen bis zu 30 Samen; die mediane letale orale Dosis wird auf Grundlage dieser Fälle mit 1–20 mg pro Kilogramm Körpergewicht geschätzt. Rizinussamen und Pflanzenteile gehören daher außerhalb der Reichweite von Kindern und Haustieren aufbewahrt.

Merksatz: Der Samen ist hochgiftig, das daraus gepresste Öl nicht. Wer diesen Unterschied kennt, kann beide Aussagen richtig einordnen, die im Internet oft nebeneinanderstehen und sich scheinbar widersprechen.

Gegenanzeigen der innerlichen Anwendung

Die EU-Pflanzenmonographie nennt folgende Gegenanzeigen:

  • Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff
  • Darmverschluss (Ileus) und Darmverengungen (Stenosen), Darmatonie, Blinddarmentzündung
  • entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa
  • Bauchschmerzen unbekannter Ursache
  • schwere Dehydratation mit Wasser- und Elektrolytverlust
  • Schwangerschaft und Stillzeit

Die Anwendung in der Schwangerschaft ist kontraindiziert, weil Rizinusöl die Wehentätigkeit beeinflussen kann. Präklinisch wurde gezeigt, dass 2 ml Rizinusöl täglich, an den Trächtigkeitstagen 18 bis 20 per Schlundsonde verabreicht, bei Ratten den Geburtsbeginn auslösten und den Geburtsverlauf verkürzten. In der Stillzeit ist die Anwendung kontraindiziert, weil ein Übergang in die Muttermilch möglich ist.

Zur immer wieder diskutierten Geburtseinleitung mit Rizinusöl liegt eine Cochrane-Übersichtsarbeit vor. Sie wertete drei Studien mit insgesamt 233 Frauen aus und kam zu dem Schluss, dass die Evidenz nicht ausreicht, um Aussagen zur Wirksamkeit von Rizinusöl als Mittel zur Geburtseinleitung zu treffen. Deutlich war hingegen ein Nebenwirkungsbefund: Sämtliche Frauen, die Rizinusöl einnahmen, berichteten Übelkeit (Risikoverhältnis 59,92; 95-%-Konfidenzintervall 8,46 bis 424,52). Eine eigenmächtige Anwendung zur Geburtseinleitung ist daher abzulehnen.

Wechselwirkungen und unerwünschte Wirkungen

  • Herzglykoside und Antiarrhythmika: Eine Hypokaliämie – etwa als Folge eines langfristigen Laxanzienmissbrauchs – verstärkt die Wirkung von Herzglykosiden und beeinflusst die Wirkung von Antiarrhythmika.
  • Diuretika, Nebennierenrindensteroide und Süßholzwurzel: Die gleichzeitige Anwendung kann den Kaliumverlust verstärken.
  • Antihistaminika: Die gleichzeitige Anwendung kann die abführende Wirkung von Rizinusöl vermindern.
  • Unerwünschte Wirkungen: Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und starker Durchfall können auftreten; die Häufigkeit ist nicht bekannt. In solchen Fällen ist eine Dosisreduktion erforderlich.
  • Überdosierung: Die Hauptsymptome sind Magenreizung mit Übelkeit, Erbrechen, Koliken und starkem Durchfall sowie Wasser- und Elektrolytverlust. Die Behandlung erfolgt unterstützend mit reichlich Flüssigkeit und Ausgleich der Elektrolyte; ein spezifisches Gegenmittel steht nicht zur Verfügung.

Bei äußerlicher Anwendung sind Unverträglichkeitsreaktionen selten, aber wie bei jedem Pflanzenöl möglich. Bei bekannter Überempfindlichkeit sowie bei offenen oder entzündeten Hautstellen sollte auf die Anwendung verzichtet werden.

Häufige Fragen und Antworten (FAQ)

Enthält Rizinusöl das Gift Ricin?

Nein. Ricin ist ein wasserlösliches Protein und geht beim Pressen der Samen nicht in die fettlösliche Ölphase über, sondern verbleibt im Presskuchen. Der Bewertungsbericht der Europäischen Arzneimittel-Agentur hält deshalb ausdrücklich fest, dass Rizinusöl nicht als ricinhaltig gilt; eine Sicherheitsbewertung des Cosmetic Ingredient Review Expert Panel von 2007 kommt zum selben Schluss. Die Samen selbst enthalten dagegen bis zu 5 Prozent Ricin und sind hochgiftig – sie gehören außerhalb der Reichweite von Kindern und Haustieren aufbewahrt.

Lässt Rizinusöl Wimpern und Haare wachsen?

Dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg. Weder die EU-Pflanzenmonographie noch der zugehörige Bewertungsbericht der EMA führen eine wachstumsfördernde Anwendung am Haarfollikel auf; der Bewertungsbericht nennt für die überlieferte äußerliche Verwendung ausschließlich entzündliche Hautzustände, Furunkel, Karbunkel, Abszesse, Mittelohrentzündungen und Kopfschmerzen. Plausibel ist lediglich ein pflegender Effekt: Als zähes, okklusives Öl umschließt Rizinusöl den vorhandenen Haarschaft, kann Feuchtigkeitsverlust und Bruch verringern und Wimpern dadurch voller wirken lassen. Das ist ein kosmetischer Effekt an bereits vorhandenem Haar und kein neues Haarwachstum.

Wie wird Rizinusöl arzneilich als Abführmittel angewendet?

Nach der EU-Pflanzenmonographie beträgt die Tagesdosis für Erwachsene und ältere Menschen 2–5 g (2,1–5,3 ml) als Einzeldosis; in der Regel genügt die Anwendung 2- bis 3-mal pro Woche. Der Wirkeintritt liegt zwischen 2 und 6 Stunden. Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wird die Anwendung nicht empfohlen. Eine Anwendung über mehr als eine Woche erfordert ärztliche Aufsicht, und eine dauerhafte Anwendung von Abführmitteln ist zu vermeiden.

Darf Rizinusöl in der Schwangerschaft angewendet werden?

Die innerliche Anwendung ist in der Schwangerschaft kontraindiziert, weil Rizinusöl die Wehentätigkeit beeinflussen kann; auch in der Stillzeit ist sie kontraindiziert, da ein Übergang in die Muttermilch möglich ist. Eine Cochrane-Übersichtsarbeit zu Rizinusöl als Mittel der Geburtseinleitung fand auf Basis von drei Studien mit 233 Frauen keine ausreichende Evidenz für eine Wirksamkeit, aber Übelkeit bei sämtlichen Frauen, die das Öl einnahmen. Von einer eigenmächtigen Anwendung ist daher dringend abzuraten.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. European Medicines Agency, Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) (2016): European Union herbal monograph on Ricinus communis L., oleum. EMA/HMPC/572974/2014, angenommen am 2. Februar 2016. Monographie (PDF, englisch)
  2. European Medicines Agency, HMPC (2016): Assessment report on Ricinus communis L., oleum. EMA/HMPC/572973/2014. Bewertungsbericht (PDF, englisch)
  3. Worbs S, Köhler K, Pauly D, Avondet MA, Schaer M, Dorner MB, Dorner BG (2011): Ricinus communis intoxications in human and veterinary medicine – a summary of real cases. Toxins 3(10):1332–1372. DOI: 10.3390/toxins3101332 | PMC-Volltext
  4. Patel VR, Dumancas GG, Kasi Viswanath LC, Maples R, Subong BJJ (2016): Castor Oil: Properties, Uses, and Optimization of Processing Parameters in Commercial Production. Lipid Insights 9:1–12. DOI: 10.4137/LPI.S40233 | PMC-Volltext
  5. Kelly AJ, Kavanagh J, Thomas J (2013): Castor oil, bath and/or enema for cervical priming and induction of labour. Cochrane Database of Systematic Reviews. DOI: 10.1002/14651858.CD003099.pub2 | Zusammenfassung
  6. Europäische Kommission (2013): Leitlinien zur Verordnung (EU) Nr. 655/2013 der Kommission zur Festlegung gemeinsamer Kriterien zur Begründung von Werbeaussagen im Zusammenhang mit kosmetischen Mitteln, deutsche Übersetzung des BMEL. Leitlinien (PDF)
  7. Wikipedia: Rizinusöl und Kosmetik-Verordnung

Christoph Zauner, Drogist und Inhaber Kräutermax

Über den Autor

Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax

Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.

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