Klettenwurzel: Wirkung, Inhaltsstoffe & Anwendung

Klettenwurzel Bild Lexikon

Botanik und Beschreibung

Die Klettenwurzel (Bardanae radix, auch Arctii radix) ist die getrocknete Wurzel der Großen Klette (Arctium lappa L.). Arzneilich verwendet werden außerdem die Wurzeln der Kleinen Klette (Arctium minus) und der Filzigen Klette (Arctium tomentosum). Alle drei Arten gehören zur Familie der Korbblütler (Asteraceae) – zu jener großen Pflanzenfamilie, zu der auch Kamille, Löwenzahn, Artischocke und Wegwarte zählen. Diese Zugehörigkeit ist für die Verträglichkeit wichtig, wie der Abschnitt zu den Gegenanzeigen zeigt.

Die Große Klette ist eine stattliche, zweijährige Pflanze. Im ersten Jahr bildet sie eine große Blattrosette mit herzförmigen, unterseits graufilzigen Blättern und eine kräftige, fleischige Pfahlwurzel. Im zweiten Jahr treibt sie einen verzweigten, bis zu zwei Meter hohen Stängel mit kugeligen, purpurroten Blütenköpfen. Deren Hüllblätter enden in feinen Widerhaken: Die reifen Fruchtstände, die „Kletten“, haften an Fell und Kleidung und werden so verbreitet. Die Klette ist in ganz Europa heimisch und wächst bevorzugt an Wegrändern, Schuttplätzen, Ufern und Waldrändern auf nährstoffreichen Böden.

Für arzneiliche Zwecke wird die Wurzel im Herbst des ersten Jahres oder im Frühjahr des zweiten Jahres geerntet – also bevor die Pflanze ihre Reserven in Stängel und Blüte steckt. Die Wurzel wird gewaschen, zerkleinert und schonend getrocknet. In Japan wird die frische Wurzel unter dem Namen Gobō als Gemüse angebaut und gegessen. Volksnamen sind unter anderem Klettenwurz, Große Klette oder – nach dem französischen Namen – Bardane.

Was heißt „Burdock Root“ auf Deutsch?

„Burdock“ ist der englische Name der Klette, „burdock root“ bezeichnet dementsprechend die Klettenwurzel. Wer im Internet auf englischsprachige Informationen stößt, sucht also dieselbe Pflanze.

Inhaltsstoffe

Die Klettenwurzel enthält vor allem folgende Stoffgruppen:

  • Inulin: Das Speicherkohlenhydrat aus Fruchtzuckerbausteinen ist mengenmäßig der wichtigste Inhaltsstoff; je nach Erntezeit werden Gehalte von bis zu etwa 45 Prozent in der getrockneten Wurzel angegeben. Inulin zählt zu den löslichen Ballaststoffen und dient vielen Korbblütlern anstelle von Stärke als Reservestoff.
  • Phenolcarbonsäuren: vor allem Chlorogensäure und Kaffeesäure sowie verwandte Kaffeesäureverbindungen, die zu den Polyphenolen gehören.
  • Lignane: Arctiin und sein Aglykon Arctigenin. Sie kommen vor allem in den Früchten (Samen) in größerer Menge vor, in der Wurzel nur in geringeren Mengen.
  • Polyacetylene und Sesquiterpenlactone: reaktive Stoffe, die für das allergene Potenzial der Korbblütler mitverantwortlich gemacht werden.
  • Bitterstoffe, Schleimstoffe und geringe Mengen ätherisches Öl.
  • Mineralstoffe wie Kalium, Calcium, Magnesium und Eisen.

Heilwirkung

Anwendungsbereiche und gesundheitliche Vorteile:

  • Harnwege durchspülen: Traditionell zur Erhöhung der Harnmenge bei leichten Beschwerden der ableitenden Harnwege – als eines von drei Anwendungsgebieten von der EMA anerkannt (traditionelle Verwendung).
  • Vorübergehende Appetitlosigkeit: Als Bittermittel traditionell zur Anregung des Appetits; ebenfalls von der EMA als traditionelles Anwendungsgebiet anerkannt.
  • Seborrhoische Haut: Innerlich traditionell bei fettiger, zu Unreinheiten neigender Haut; drittes von der EMA anerkanntes traditionelles Anwendungsgebiet.
  • „Blutreinigung“: Volksmedizinisch als „blutreinigendes“ Mittel bei Hautleiden, Rheuma und Gicht überliefert – dafür gibt es keine belastbaren Belege.
  • Ballaststoff Inulin: Inulin dient den Darmbakterien als Nahrung; ein eigener Nutzen der in Tee oder Pulver üblichen Mengen ist jedoch nicht nachgewiesen.

Wichtig zur Einordnung: Die von der EMA genannten Anwendungsgebiete beruhen ausschließlich auf langjähriger Verwendung, nicht auf klinischen Wirksamkeitsstudien. Zahlreiche weitere Effekte von Klettenwurzel-Extrakten wurden bisher nur im Reagenzglas oder im Tierversuch beobachtet.

Haut und Kopfhaut

Die bekannteste Überlieferung betrifft die Haut. Klettenwurzel galt in der europäischen Volksheilkunde als klassisches Mittel bei unreiner, fettiger Haut, Akne und Ekzemen. Das Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC) der EMA hat davon die Anwendung bei seborrhoischen Hautzuständen als traditionelles Anwendungsgebiet übernommen – innerlich eingenommen, nicht äußerlich aufgetragen. Äußerlich bekannt ist das Klettenwurzelöl, ein Ölauszug der Wurzel, der seit Langem zur Pflege von Haar und Kopfhaut verwendet wird. Eine Wirkung auf Haarwachstum oder Haarausfall ist nicht belegt.

Harnwege und Verdauung

Als mild harntreibendes Mittel wurde die Klettenwurzel traditionell zur Durchspülung der Harnwege eingesetzt, ähnlich wie Brennnessel oder Goldrute. Eine Durchspülung ersetzt bei einer Blasenentzündung keine ärztliche Behandlung. Wegen ihrer Bitterstoffe gehört die Wurzel außerdem zu den traditionellen Mitteln bei Appetitlosigkeit.

Wirkt Klettenwurzel auf die Lymphe?

In der naturheilkundlichen Literatur wird die Klettenwurzel häufig zu den Pflanzen gezählt, die das Lymphsystem „anregen“ oder „entgiften“ sollen. Diese Zuschreibung stammt aus der Vorstellung der Blutreinigung. Eine spezifische Wirkung auf die Lymphe ist wissenschaftlich nicht belegt, und die EMA führt sie nicht als Anwendungsgebiet. Geschwollene Lymphknoten, die länger als zwei Wochen bestehen, gehören ärztlich abgeklärt.

Anwendung und Dosierung

Die folgenden Angaben folgen der HMPC-Monographie für Erwachsene. Bei Fertigpräparaten gilt die Packungsbeilage.

  • Tee (Aufguss): 2–6 g zerkleinerte Wurzel als Aufguss, dreimal täglich. Wegen der festen Wurzelstruktur wird die Droge in der Praxis oft auch kurz aufgekocht und etwa zehn bis fünfzehn Minuten ziehen gelassen.
  • Klettenwurzelpulver: Einzeldosis 350 mg, drei- bis fünfmal täglich. Tabletten und Kapseln enthalten meist Pulver oder Extrakt – hier gilt die Dosierung des jeweiligen Präparats.
  • Flüssigextrakt (1:1, Ethanol 25 %): 2–8 ml, dreimal täglich.
  • Tinktur: 8–12 ml, dreimal täglich (Tinktur 1:10 mit Ethanol 45 % oder 1:5 mit Ethanol 25 %).
  • Trinkmenge: Bei Anwendung zur Durchspülung der Harnwege ist auf reichliche Flüssigkeitszufuhr zu achten.
  • Anwendungsdauer: Bestehen die Beschwerden bei Harnwegs- oder Appetitproblemen länger als zwei Wochen, bei Hautbeschwerden länger als vier Wochen, ärztlichen Rat einholen.
  • Als Gemüse: Die frische Wurzel (Gobō) wird in der japanischen Küche geschmort, gedünstet oder geröstet. Das ist eine Lebensmittelverwendung, keine Heilanwendung.

Für Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren wird die Anwendung mangels ausreichender Daten nicht empfohlen. Klettenwurzel sollte nur aus geprüfter Qualität aus Apotheke oder Drogerie stammen (siehe Gegenanzeigen).

Geschichte und Überlieferungen

Die Klette ist seit Jahrhunderten in der europäischen und asiatischen Heilkunde bekannt. In der europäischen Volksmedizin war die Wurzel vor allem als „Blutreinigungsmittel“ bei Hautleiden, Rheuma und Gicht verbreitet und gehörte zu den Pflanzen klassischer Frühjahrskuren. Das Klettenwurzelöl war über Generationen ein Hausmittel der Haarpflege.

In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) werden vor allem die Früchte der Großen Klette als Niubangzi verwendet – traditionell bei Halsschmerzen, Husten und Hautausschlägen mit „Hitze“. Die Wurzel spielt dort eine geringere Rolle; in Japan, China und Korea ist sie dafür als Gemüse geschätzt.

Zu einer gewissen Berühmtheit kam die Klette auch außerhalb der Heilkunde: Der Schweizer Ingenieur George de Mestral untersuchte 1941 nach einem Spaziergang die Kletten im Fell seines Hundes unter dem Mikroskop. Die kleinen Widerhaken brachten ihn auf die Idee des Klettverschlusses.

Gegenanzeigen und Wechselwirkungen

  • Korbblütler-Allergie: Bei bekannter Überempfindlichkeit gegen Klette oder andere Korbblütler – etwa Kamille, Arnika, Schafgarbe oder Ambrosia – nicht anwenden. Die EMA nennt dies als Gegenanzeige; als Nebenwirkung wurde ein anaphylaktischer Schock berichtet (Häufigkeit unbekannt). Wer unter Heuschnupfen durch Korbblütlerpollen leidet, sollte besonders vorsichtig sein.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Mangels ausreichender Daten nicht empfohlen.
  • Kinder und Jugendliche: unter 18 Jahren nicht empfohlen.
  • Entwässernde Medikamente: Die gleichzeitige Einnahme mit synthetischen Diuretika wird nicht empfohlen.
  • Warnzeichen bei Harnwegsbeschwerden: Bei Fieber, Schmerzen beim Wasserlassen, Krämpfen oder Blut im Urin sofort ärztlich abklären lassen.
  • Diabetes: In Tierversuchen wurden blutzuckersenkende Effekte von Klettenwurzel-Extrakten beschrieben. Wer blutzuckersenkende Medikamente einnimmt, sollte eine regelmäßige Anwendung vorher ärztlich abstimmen.
  • Verunreinigung: In der Fachliteratur ist eine Vergiftung nach dem Trinken eines handelsüblichen Klettenwurzeltees beschrieben, der mit Atropin verunreinigt war – also mit einem Wirkstoff aus Nachtschattengewächsen wie der Tollkirsche, der in Klettenwurzel nicht vorkommt. Daher nur kontrollierte Ware verwenden und die Wurzel nicht selbst sammeln, wenn die Pflanze nicht sicher bestimmt werden kann.
  • Wechselwirkungen: Laut HMPC-Monographie sind keine Wechselwirkungen mit Arzneimitteln berichtet. Systematische Untersuchungen liegen jedoch nicht vor. Wer dauerhaft Medikamente einnimmt, bespricht pflanzliche Zubereitungen am besten mit Arzt oder Apotheke.

Regulatorische Einordnung in der EU

Das HMPC der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat 2010 eine Monographie zur Klettenwurzel (Arctium lappa L., radix) verabschiedet. Sie stuft die Wurzel als traditionelles pflanzliches Arzneimittel ein – mit drei Anwendungsgebieten: zur Erhöhung der Harnmenge bei leichten Harnwegsbeschwerden, bei vorübergehender Appetitlosigkeit und bei seborrhoischen Hautzuständen. Eine Anerkennung aufgrund klinisch belegter Wirksamkeit („well-established use“) gibt es nicht.

Für Inulin existiert eine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe der EU, sie gilt aber ausschließlich für natives Inulin aus Chicorée und erst bei einer Tagesmenge von 12 Gramm. Auf Klettenwurzel lässt sie sich nicht übertragen.

Häufige Fragen und Antworten (FAQ)

Was ist Klettenwurzel und wofür wird sie eingesetzt?

Klettenwurzel (Arctium lappa) ist eine europäische Heilpflanze, die volksmedizinisch als Blutreiniger bei Hautproblemen, zur Leberunterstützung und als diuretisches Mittel eingesetzt wird. Der hohe Inulingehalt macht sie zu einer natürlichen Präbiotika-Quelle.

Was ist Inulin?

Inulin ist ein unverdaulicher Ballaststoff, der als Präbiotikum die Darmflora unterstützt. Klettenwurzel zählt zu den inulinreichsten Pflanzen überhaupt (bis 45 % der Trockenmasse).

Wirkt Klettenwurzel auf die Lymphe?

In der Volksmedizin gilt Klettenwurzel als blutreinigend und wird zur Anregung der Ausscheidung sowie bei Hautproblemen eingesetzt. Eine gezielte Wirkung auf das Lymphsystem ist wissenschaftlich nicht belegt.

Welche Nebenwirkungen hat Klettenwurzel?

Bei einer Allergie gegen Korbblütler sind allergische Reaktionen möglich. Klettenwurzel kann leicht harntreibend und blutzuckersenkend wirken, Diabetiker sollten die Anwendung daher ärztlich abstimmen. In Schwangerschaft und Stillzeit wird von der Anwendung abgeraten.

Was heißt Burdock Root auf Deutsch?

Burdock Root ist der englische Name der Klettenwurzel von der Großen Klette (Arctium lappa). In Japan wird die Wurzel als Gemüse unter dem Namen Gobo gegessen, in der Traditionellen Chinesischen Medizin werden vor allem die Früchte der Klette verwendet.

Quellen und weiterführende Informationen


Christoph Zauner, Drogist und Inhaber Kräutermax

Über den Autor

Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax

Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.

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