Ceramide – Wirkung, Inhaltsstoffe & Anwendung
Herkunft und Gewinnung
Ceramide gehören zur Stoffklasse der Sphingolipide. Chemisch bestehen sie aus einer Sphingoidbase – meist Sphingosin, Phytosphingosin oder 6-Hydroxysphingosin –, die über eine Amidbindung mit einer Fettsäure verknüpft ist. Anders als die meisten Pflegestoffe in der Kosmetik sind Ceramide damit keine körperfremden Zusätze, sondern körpereigene Strukturlipide: Sie sind Baustein genau jener Schicht, die sie in einer Pflegezubereitung unterstützen sollen.
In der Haut finden sich Ceramide in der Hornschicht, dem Stratum corneum. Dort bilden sie aufgrund ihrer amphiphilen Struktur – ein wasserabweisender und ein wasserfreundlicher Molekülteil – geordnete Doppellipidschichten zwischen den Hornzellen. Gemessen am Gewicht machen Ceramide rund 50 Prozent der interzellulären Lipide des Stratum corneum aus.
Für kosmetische Zubereitungen kommen drei Wege in Betracht:
- Synthetisch hergestellte, strukturidentische Ceramide. Sie entsprechen den in der Haut vorkommenden Molekülen und werden unter Bezeichnungen wie Ceramide NP, Ceramide AP oder Ceramide EOP deklariert.
- Aus natürlichen Quellen gewonnene Ceramide. In der Fachliteratur zu ceramidhaltigen Zubereitungen wird zwischen „natürlichen oder synthetischen" Ceramiden unterschieden, ohne dass die pflanzlichen Ausgangsstoffe im Einzelnen aufgeschlüsselt würden. Als Nachteil natürlicher Ceramide gelten hohe Kosten und eine geringe Stabilität.
- Pseudo-Ceramide. Das sind gezielt entworfene, ceramidähnliche Moleküle. Ein gut dokumentiertes Beispiel ist Cetyl-PG-Hydroxyethylpalmitamid, das auf Basis der Struktur des natürlichen Ceramids NS entwickelt wurde. Es trägt gesättigte, geradkettige Alkylketten, deren strukturelle Eigenschaften den natürlich vorkommenden Ceramiden sehr ähnlich sind, und bildet gemeinsam mit Fettsäuren und Cholesterin stabile lamellare Strukturen. Entwickelt wurden Pseudo-Ceramide gerade, um die Kosten- und Stabilitätsprobleme natürlicher Ceramide zu umgehen.
Fertige kosmetische Mittel, die in der EU (vorwiegend in AT und DE) hergestellt oder in Verkehr gebracht werden, unterliegen den Anforderungen der EU-Kosmetikverordnung – einschließlich der Regeln dafür, was über sie behauptet werden darf.
Inhaltsstoffe und Ceramid-Typen
Die Lipidmatrix des Stratum corneum ist kein beliebiges Fettgemisch, sondern eine präzise zusammengesetzte Struktur. Sie besteht aus einem annähernd äquimolaren Gemisch aus Ceramiden, freien Fettsäuren und Cholesterin. Die enthaltenen Fettsäuren sind überwiegend gesättigt und umfassen Kettenlängen von 14 bis 28 Kohlenstoffatomen, wobei C22:0 und C24:0 am häufigsten vorkommen. Gemeinsam bilden diese drei Lipidklassen die interzellulären Lipidlamellen, die die eigentliche Permeabilitätsbarriere der Haut darstellen.
Die Nomenklatur: was NP, AP und EOP bedeuten
Die auf Kosmetikverpackungen zu findenden Kürzel wirken kryptisch, folgen aber einem einfachen System aus zwei bis drei Buchstaben:
- Der Fettsäuretyp steht vorn: N für eine normale, nicht hydroxylierte Fettsäure, A für eine α-Hydroxyfettsäure, O für eine ω-Hydroxyfettsäure.
- Die Sphingoidbase steht hinten: S für Sphingosin, P für Phytosphingosin, H für 6-Hydroxysphingosin.
- E kennzeichnet zusätzlich eine estergebundene Fettsäure.
Daraus ergeben sich die geläufigen Bezeichnungen:
- Ceramide NP – normale Fettsäure, gebunden an Phytosphingosin. Der in kosmetischen Mitteln am häufigsten eingesetzte Typ.
- Ceramide AP – α-Hydroxyfettsäure, gebunden an Phytosphingosin.
- Ceramide EOP – estergebundene ω-Hydroxyfettsäure, gebunden an Phytosphingosin.
Eine ältere Systematik bezeichnete die natürlichen Ceramide mit römischen Ziffern; beide Nomenklaturen sind in der Literatur noch anzutreffen. Im menschlichen Stratum corneum sind zwölf Ceramid-Subklassen beschrieben, unterschieden nach der Art der beteiligten Sphingoidbasen und Fettsäuren.
Warum die langkettigen EO-Ceramide besonders wichtig sind
Eine Sonderrolle spielen die estergebundenen ω-Hydroxy-Ceramide, insbesondere das linolsäurereiche Ceramid EOS. Diese Moleküle sind außergewöhnlich lang und verknüpfen benachbarte Lipidschichten miteinander. Sie sind dafür verantwortlich, dass sich die charakteristische trilamellare Wiederholungseinheit mit einer Periodizität von etwa 13 Nanometern ausbildet – ein Ordnungsmuster, das in der gesunden Haut sehr regelmäßig ist.
Ein zweites Ordnungsmerkmal ist die seitliche Packung der Lipidketten: In gesunder Haut liegen sie in einer dichten, orthorhombischen Anordnung vor. Verschiebt sich diese Packung in Richtung der lockereren hexagonalen Anordnung, geht das mit einer beeinträchtigten Barrierefunktion einher.
Anwendungsgebiete in der Hautpflege
Was Ceramide in der Hautbarriere leisten
Anschaulich beschreibt man das Stratum corneum als Mauerwerk: Die Hornzellen sind die Ziegel, die Lipidmatrix aus Ceramiden, Cholesterin und freien Fettsäuren ist der Mörtel. Diese Lipidschichten schützen die Haut vor dem Austrocknen und erschweren das Eindringen von Fremdstoffen. Gerät das Gleichgewicht dieser Lipide aus der Balance, zeigen sich Trockenheit, Spannungsgefühl und Empfindlichkeit – und der Wasserverlust über die Haut nimmt messbar zu.
In kosmetischen Zubereitungen werden Ceramide deshalb vor allem in der sogenannten Barrierepflege eingesetzt: in Cremes und Lotionen für trockene Haut, in Produkten für empfindliche Haut sowie in der Haarpflege. Sie werden üblicherweise mit Feuchthaltestoffen wie Hyaluronsäure, Urea, Glycerin oder Panthenol und mit rückfettenden Bestandteilen wie Sheabutter oder Pflanzenölen kombiniert.
Trockene Haut, Ekzeme und Neurodermitis: was die Untersuchungen zeigen
Bei diesem Punkt ist Sorgfalt geboten, denn hier verläuft die Grenze zwischen sachlicher Beschreibung und einer unzulässigen Therapieaussage. Wir beschreiben deshalb ausschließlich, was untersucht wurde – und ziehen keine Behandlungsschlüsse.
Bei atopischer Dermatitis ist die Ceramidzusammensetzung des Stratum corneum verändert. Untersuchungen zeigen verringerte Ceramidgehalte, die auch in nicht betroffenen Hautarealen nachweisbar sind; einzelne Subklassen wie Cer[NH], Cer[NP] und Cer[EOS] sind deutlich vermindert. Eine biophysikalische Analyse an Patientinnen und Patienten mit atopischem Ekzem fand zudem drastisch erhöhte Anteile sehr kurzkettiger C34-Ceramide bei gleichzeitig verringerten sehr langkettigen EO-Ceramiden – die mittlere Kettenlänge war um 0,64 ± 0,23 Kohlenstoffatome kürzer als bei gesunden Kontrollpersonen. Parallel dazu war die lamellare Anordnung verändert, die dichte orthorhombische Packung zugunsten der hexagonalen zurückgedrängt und der transepidermale Wasserverlust deutlich erhöht (12,2 ± 6,5 gegenüber 6,5 ± 1,7 g/m²/h; p < 0,0005). Die Veränderungen korrelierten stark mit der Kettenlänge (r = 0,77) und mit dem Schweregrad, und zwar unabhängig von Filaggrin-Mutationen.
Zur Anwendung ceramidhaltiger Zubereitungen liegt eine qualitative Übersichtsarbeit vor, die zwölf hochwertige Studien ausgewertet hat. Ihr Ergebnis: Ceramidhaltige Zubereitungen können trockene Haut und die Barrierefunktion bei Patientinnen und Patienten mit atopischer Dermatitis verbessern, wobei der transepidermale Wasserverlust sank und die Hornschichthydratation zunahm. Die Autoren halten jedoch ausdrücklich fest, dass für eine belastbare klinische Einordnung eine doppelblinde Vergleichsstudie mit großer Fallzahl notwendig wäre.
Unsere Einordnung dazu ist eindeutig: Neurodermitis (atopische Dermatitis) und Ekzeme sind Erkrankungen, die ärztlich abgeklärt und behandelt gehören. Eine ceramidhaltige Pflege ist Basispflege und kann eine ärztliche Therapie weder ersetzen noch überflüssig machen. Weitere Hintergründe finden Sie in unseren Beiträgen zu Ekzemen und zu trockener Haut.
Sinnvolle Kombinationen
Weil die natürliche Lipidmatrix aus drei Klassen in annähernd gleichen Anteilen besteht, liegt der Gedanke nahe, in einer Pflegezubereitung nicht nur Ceramide, sondern auch Cholesterin und freie Fettsäuren einzusetzen. Genau diesem Prinzip folgen viele Barrierepflegeprodukte; auch das oben genannte Pseudo-Ceramid bildet erst gemeinsam mit Fettsäuren und Cholesterin stabile lamellare Strukturen aus.
Ergänzend werden häufig pflanzliche Öle mit hohem Linolsäureanteil eingesetzt, etwa Nachtkerzenöl oder Jojobaöl. Linolsäure ist deshalb von Interesse, weil sie Bestandteil der besonders langkettigen EO-Ceramide ist, die für die geordnete Lamellenstruktur eine Schlüsselrolle spielen.
Regulatorische Einordnung in der EU
Ein häufiges Missverständnis: Für Ceramide in kosmetischen Mitteln gelten nicht die gesundheitsbezogenen Angaben (Health Claims) der EFSA. Die Health-Claims-Verordnung (VO (EG) Nr. 1924/2006) und die darauf gestützte Liste zulässiger Angaben (VO (EU) Nr. 432/2012) betreffen ausschließlich Lebensmittel. Für Ceramide existiert dort ohnehin keine zugelassene Angabe.
Maßgeblich ist stattdessen das Kosmetikrecht:
- Die Verordnung (EG) Nr. 1223/2009 über kosmetische Mittel gilt seit dem 11. Januar 2012 unmittelbar in allen Mitgliedstaaten und löste die frühere Richtlinie 76/768/EWG ab. Kosmetische Mittel sind nach ihrem Artikel 2 „Stoffe oder Gemische, die dazu bestimmt sind, äußerlich mit den Teilen des menschlichen Körpers (Haut, Behaarungssystem, Nägel, Lippen und äußere intime Regionen) oder mit den Zähnen und den Schleimhäuten der Mundhöhle in Berührung zu kommen, und zwar zu dem ausschließlichen oder überwiegenden Zweck, diese zu reinigen, zu parfümieren, ihr Aussehen zu verändern, sie zu schützen, sie in gutem Zustand zu halten oder den Körpergeruch zu beeinflussen".
- Für Werbeaussagen gilt Artikel 20 dieser Verordnung in Verbindung mit der Verordnung (EU) Nr. 655/2013 der Kommission vom 10. Juli 2013. Diese legt sechs gleichrangige gemeinsame Kriterien fest: Einhaltung der Rechtsvorschriften, Wahrheitstreue, Belegbarkeit, Redlichkeit, Lauterkeit und fundierte Entscheidungsfindung.
- Wie streng das Kriterium der Wahrheitstreue gemeint ist, zeigt ein Beispiel aus den amtlichen Leitlinien: Die Aussage „48 Stunden Feuchtigkeit" ist nicht gestattet, wenn sämtliche Nachweise nur eine kürzere Feuchtigkeitsdauer belegen. Nach dem Kriterium der Belegbarkeit müssen alle Aussagen – explizite wie implizite – durch hinreichende und überprüfbare Nachweise gestützt sein, die dem Stand der Technik entsprechen.
- Ebenso wichtig ist die Abgrenzung nach oben: Ein kosmetisches Mittel darf sich keine arzneiliche Zweckbestimmung geben. Aussagen, die eine Behandlung oder Heilung von Neurodermitis, Psoriasis oder Ekzemen versprechen, sind in der Kosmetik unzulässig.
Anwendung und Dosierung
Ceramide sind lipophile Moleküle und werden deshalb praktisch immer in Emulsionen eingearbeitet – in Cremes, Lotionen, Milchen oder Balsamen – und kaum in rein wässrigen Seren. Für die Praxis bedeutet das:
- Zeitpunkt: nach der Reinigung auf die noch leicht feuchte Haut auftragen. So wird die aufgenommene Feuchtigkeit gleich mit eingeschlossen.
- Häufigkeit: üblicherweise morgens und abends; bei sehr trockener oder beanspruchter Haut auch mehrmals täglich.
- Reihenfolge: wässrige Zubereitungen (etwa mit Hyaluronsäure oder Niacinamid) zuerst, ceramidhaltige Creme danach.
- Einsatzkonzentration: Konkrete Gehalte werden von Herstellern nur selten offengelegt und schwanken stark. Ein grober Anhaltspunkt ist die Position in der INCI-Liste – sie sagt jedoch nichts über die Qualität der Gesamtrezeptur aus, und gerade bei Ceramiden ist das Zusammenspiel mit Cholesterin und Fettsäuren wichtiger als die reine Menge.
- Geduld: Veränderungen der Hornschicht brauchen Zeit. Beurteilen Sie eine Barrierepflege nicht nach zwei, sondern frühestens nach vier bis acht Wochen regelmäßiger Anwendung.
- Verträglichkeitstest: Vor der erstmaligen großflächigen Anwendung eines neuen Produkts empfiehlt sich ein Test in der Ellenbeuge über 24 Stunden.
- Lagerung: kühl und vor Licht geschützt; Tiegel nur mit sauberem Spatel entnehmen und die Verwendungsdauer nach dem Öffnen beachten.
Geschichte und Hintergrund
Die Erkenntnis, dass die Hornschicht nicht einfach eine tote Schuppenschicht ist, sondern eine hochorganisierte Barriere aus Zellen und einer geordneten Lipidmatrix, gehört zu den wichtigsten Entwicklungen der modernen Hautforschung. Erst mit ihr wurde verständlich, warum Haut Wasser zurückhält und Fremdstoffe abweist – und warum genau diese Funktion bei trockener und empfindlicher Haut nachlässt.
Die Beschreibung der einzelnen Ceramid-Subklassen entwickelte sich über Jahrzehnte. Zunächst wurden die natürlichen Ceramide fortlaufend mit römischen Ziffern durchnummeriert. Weil diese Zählweise mit jeder neu entdeckten Subklasse unübersichtlicher wurde, setzte sich das heute gebräuchliche Buchstabensystem durch, das die chemische Struktur unmittelbar ablesbar macht – eben jenes System, aus dem sich Bezeichnungen wie NP, AP oder EOP ergeben. Die Zahl der beschriebenen Subklassen ist seither weiter gewachsen.
Parallel dazu fanden Ceramide ihren Weg in die Kosmetik. Heute werden sie in Produkten gegen trockene Haut, in der Haarpflege sowie in der medizinischen Hautpflege bei Dermatitis und Psoriasis eingesetzt. Weil isolierte natürliche Ceramide teuer und wenig stabil sind, entstanden parallel die bereits erwähnten Pseudo-Ceramide – gezielt konstruierte Moleküle, die die strukturellen Eigenschaften natürlicher Ceramide nachbilden, ohne deren formulatorische Nachteile zu haben.
Gegenanzeigen und Wechselwirkungen
Ceramide selbst gelten als sehr gut verträglich – sie sind Bestandteil der eigenen Hautbarriere. Trotzdem gibt es Punkte, die Beachtung verdienen:
- Reaktionen betreffen meist nicht das Ceramid. Unverträglichkeiten gegenüber einer ceramidhaltigen Creme gehen in aller Regel von anderen Rezepturbestandteilen aus – Emulgatoren, Duftstoffen, ätherischen Ölen oder Konservierungsmitteln. Bei empfindlicher Haut lohnt daher der Blick auf die vollständige INCI-Liste und die Wahl duftstofffreier Zubereitungen.
- Bekannte Überempfindlichkeit gegenüber einem Bestandteil der Zubereitung: nicht anwenden.
- Nässende, offene oder stark entzündete Hautstellen sowie akute Schübe einer Hauterkrankung gehören ärztlich beurteilt. Kosmetische Zubereitungen sollten dort nicht ohne ärztliche Rücksprache aufgetragen werden.
- Neurodermitis und Psoriasis sind ärztlich zu behandelnde Erkrankungen. Eine ceramidhaltige Basispflege kann begleitend eingesetzt werden, ersetzt aber keine Therapie. Auch die verfügbare Übersichtsarbeit betont, dass für belastbare klinische Aussagen große doppelblinde Studien noch ausstehen.
- Gleichzeitige Anwendung topischer Arzneimittel – etwa Kortikoide oder Calcineurin-Inhibitoren: Wechselwirkungen im arzneilichen Sinn sind bei kosmetischer Pflege nicht zu erwarten, der zeitliche Abstand zwischen Arzneimittel und Pflege sollte aber mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden.
- Säuglinge und Kleinkinder: milde, duftstofffreie Zubereitungen wählen; bei bestehenden Hauterkrankungen vorab kinderärztlich abklären.
- Augenpartie: Zubereitungen nicht in die Augen bringen; bei Kontakt gründlich mit Wasser spülen.
Häufige Fragen und Antworten (FAQ)
Was sind Ceramide und welche Rolle spielen sie in der Haut?
Ceramide sind Sphingolipide, die aus einer Sphingoidbase und einer über eine Amidbindung gebundenen Fettsäure bestehen. In der Hornschicht (Stratum corneum) bilden sie zusammen mit Cholesterin und freien Fettsäuren die interzelluläre Lipidmatrix – ein annähernd äquimolares Gemisch dieser drei Lipidklassen. Diese Lipidschichten schützen die Haut vor dem Austrocknen und erschweren das Eindringen von Fremdstoffen. Gemessen am Gewicht machen Ceramide rund 50 Prozent der interzellulären Lipide des Stratum corneum aus.
Was bedeuten die Bezeichnungen Ceramide NP, AP und EOP?
Die Buchstaben beschreiben die chemische Struktur. Der erste Buchstabe steht für die Fettsäure: N für eine normale, nicht hydroxylierte Fettsäure, A für eine α-Hydroxyfettsäure, O für eine ω-Hydroxyfettsäure. Der letzte Buchstabe steht für die Sphingoidbase: S für Sphingosin, P für Phytosphingosin, H für 6-Hydroxysphingosin. Ein E kennzeichnet zusätzlich eine estergebundene Fettsäure. Ceramide NP ist also eine normale Fettsäure an Phytosphingosin, Ceramide AP eine α-Hydroxyfettsäure an Phytosphingosin und Ceramide EOP eine estergebundene ω-Hydroxyfettsäure an Phytosphingosin.
Sind Ceramide bei trockener Haut und Neurodermitis sinnvoll?
Untersuchungen zeigen, dass bei atopischer Dermatitis die Ceramidgehalte im Stratum corneum verringert und einzelne Subklassen deutlich vermindert sind; zudem sind die Ceramide im Mittel kürzerkettig, die Lipidanordnung weniger dicht und der transepidermale Wasserverlust erhöht. Eine qualitative Übersichtsarbeit über zwölf hochwertige Studien kommt zu dem Ergebnis, dass ceramidhaltige Zubereitungen trockene Haut und die Barrierefunktion bei Betroffenen verbessern können, fordert aber ausdrücklich große doppelblinde Vergleichsstudien. Neurodermitis ist eine ärztlich zu behandelnde Erkrankung; eine ceramidhaltige Pflege ist begleitende Basispflege und kein Therapieersatz.
Gelten für Ceramide in der Kosmetik die EFSA-Health-Claims?
Nein. Die Health-Claims-Verordnung (VO (EG) Nr. 1924/2006) und die Liste zulässiger Angaben (VO (EU) Nr. 432/2012) gelten ausschließlich für Lebensmittel; für Ceramide ist dort ohnehin keine Angabe zugelassen. Für kosmetische Mittel gilt stattdessen die Verordnung (EG) Nr. 1223/2009, deren Artikel 20 in Verbindung mit der Verordnung (EU) Nr. 655/2013 sechs gemeinsame Kriterien für Werbeaussagen festlegt: Einhaltung der Rechtsvorschriften, Wahrheitstreue, Belegbarkeit, Redlichkeit, Lauterkeit und fundierte Entscheidungsfindung.
Quellen und weiterführende Informationen
- Wertz PW (2021): Roles of Lipids in the Permeability Barriers of Skin and Oral Mucosa. International Journal of Molecular Sciences 22(10):5229. DOI: 10.3390/ijms22105229 | PMC-Volltext
- Janssens M, van Smeden J, Gooris GS, Bras W et al. (2012): Increase in short-chain ceramides correlates with an altered lipid organization and decreased barrier function in atopic eczema patients. Journal of Lipid Research 53(12):2755–2766. DOI: 10.1194/jlr.P030338 | PMC-Volltext
- Kono T, Miyachi Y, Kawashima M (2021): Clinical significance of the water retention and barrier function-improving capabilities of ceramide-containing formulations: A qualitative review. The Journal of Dermatology 48(12):1807–1816. DOI: 10.1111/1346-8138.16175 | PMC-Volltext
- Takagi Y (2024): Efficacy of Topical Application of a Skin Moisturizer Containing Pseudo-Ceramide and a Eucalyptus Leaf Extract on Atopic Dermatitis: A Review. Journal of Clinical Medicine 13(6):1749. DOI: 10.3390/jcm13061749 | PMC-Volltext
- Europäische Kommission (2013): Leitlinien zur Verordnung (EU) Nr. 655/2013 der Kommission zur Festlegung gemeinsamer Kriterien zur Begründung von Werbeaussagen im Zusammenhang mit kosmetischen Mitteln, deutsche Übersetzung des BMEL. Leitlinien (PDF)
- Wikipedia: Ceramide und Kosmetik-Verordnung

Über den Autor
Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax
Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.
Die bereitgestellten Informationen dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.
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