Quendel (Wilder Thymian): Wirkung, Inhaltsstoffe & Anwendung

Botanik und Beschreibung
Der Quendel (Thymus serpyllum L.), auch Sand-Thymian, Feldthymian, Wilder Thymian oder Kudelkraut genannt, ist ein niedriger, aromatisch duftender Halbstrauch aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Er ist ein naher Verwandter des Echten Thymians (Thymus vulgaris), der als Küchen- und Arzneipflanze aus dem Mittelmeerraum stammt. Der Artname serpyllum leitet sich vom griechischen Wort für „kriechen“ ab und beschreibt die Wuchsform.
Quendel bildet dichte, flache Polster. Seine dünnen, am Grund verholzenden Stängel kriechen am Boden und wurzeln dort teilweise; nur die blühenden Triebe richten sich auf und werden selten höher als zehn Zentimeter. Die kleinen, schmalen Blätter sind ganzrandig und tragen wie die ganze Pflanze winzige Öldrüsen. Von Juni bis in den Spätsommer erscheinen in kopfigen Blütenständen zahlreiche rosa bis purpurne Lippenblüten, die von Bienen, Hummeln und Schmetterlingen stark besucht werden.
Der Sand-Thymian im engeren Sinn wächst in Nord- und Mitteleuropa auf trockenen, sandigen, eher sauren Böden: in Sandtrockenrasen, an Dünen, Böschungen und lichten Kiefernwäldern. Im Volksmund wird der Name Quendel jedoch auch für verwandte Wildthymian-Arten verwendet, etwa den häufigeren Arznei-Thymian (Thymus pulegioides), der Magerwiesen und Weiden in ganz Mitteleuropa besiedelt. Die Gattung ist botanisch schwierig; viele Arten kreuzen sich und lassen sich nur von Fachleuten sicher unterscheiden.
Arzneilich verwendet wird das zur Blütezeit geerntete, getrocknete Kraut (Serpylli herba, Quendelkraut). Wer selbst sammelt, sollte nur in großen, ungefährdeten Beständen ernten, die Pflanzen nicht ausreißen und regionale Naturschutzbestimmungen beachten.
Inhaltsstoffe
- Ätherisches Öl: Der Gehalt ist meist geringer als beim Echten Thymian und schwankt stark. Seine Zusammensetzung hängt von Herkunft und Chemotyp ab; häufig dominieren die Phenole Thymol und Carvacrol, begleitet von p-Cymol und γ-Terpinen. Es gibt aber auch Herkünfte, in denen Linalool, Geraniol oder andere Stoffe überwiegen. Mehr zu dieser Stoffgruppe unter ätherische Öle.
- Lamiaceen-Gerbstoffe: vor allem Rosmarinsäure und weitere Phenolcarbonsäuren, die zur Gruppe der Gerbstoffe gezählt werden.
- Flavonoide: unter anderem Luteolin, Apigenin und Thymonin.
- Triterpensäuren: Ursolsäure und Oleanolsäure.
- Bitterstoffe in geringer Menge.
Thymol und Carvacrol sind für den kräftig-würzigen Geschmack verantwortlich und gelten als wichtigste Träger der antimikrobiellen und krampflösenden Eigenschaften, die für Thymian-Arten beschrieben sind.
Heilwirkung
Anwendungsbereiche und gesundheitliche Vorteile:
- Husten und Atemwege – traditionell als schleimlösendes und krampflösendes Mittel bei Erkältungshusten und Bronchialkatarrh verwendet.
- Erkältung – überliefert als Tee und Inhalation bei Katarrhen der oberen Atemwege.
- Verdauung – volksmedizinisch bei Blähungen, Völlegefühl und Appetitlosigkeit.
- Mund und Rachen – traditionell zum Gurgeln bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum.
- Haut und kleine Wunden – volksmedizinisch äußerlich als Bad oder Umschlag.
- Antimikrobielle Eigenschaften – für das ätherische Öl im Labor gezeigt; klinische Studien zum Quendel fehlen weitgehend.
Husten, Erkältung und Bronchien
Die wichtigste Anwendung des Quendels betrifft die Atemwege. Wie der Echte Thymian wird er bei Husten, verschleimten Bronchien und Erkältungen verwendet. Das ätherische Öl wird zum Teil über die Atemwege ausgeschieden; ihm werden eine schleimlösende, die Bronchialmuskulatur entspannende und keimhemmende Wirkung zugeschrieben. Für den Echten Thymian sind diese Eigenschaften besser untersucht, und die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat Thymiankraut als traditionelles pflanzliches Arzneimittel bei Erkältungshusten eingestuft – mehr dazu unter Thymian. Für den Quendel gibt es keine eigene EMA-Monographie und kaum klinische Studien; seine Verwendung beruht auf der Überlieferung und auf der ähnlichen Zusammensetzung. Hält eine Bronchitis länger als eine Woche an, gehört sie ärztlich abgeklärt.
Verdauung
Als würziges Kraut mit ätherischem Öl und Bitterstoffen wird Quendel in der Volksmedizin bei Blähungen, leichten Krämpfen im Magen-Darm-Bereich und Verdauungsstörungen eingesetzt. In der Küche wird er ähnlich wie Thymian oder Oregano verwendet und macht schwere Speisen bekömmlicher. Klinische Studien zu dieser Anwendung liegen nicht vor.
Mund, Rachen und Haut
Ein Aufguss wird traditionell zum Gurgeln und Spülen bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum sowie bei Mundgeruch verwendet. Äußerlich kamen Quendel-Bäder und -Umschläge bei kleinen Hautverletzungen und zur Wundpflege zum Einsatz. Dass Thymol und Carvacrol im Reagenzglas Bakterien und Pilze hemmen, ist gut beschrieben; ob sich daraus beim Menschen ein Nutzen ergibt, ist für den Quendel nicht untersucht. Größere oder entzündete Wunden gehören ärztlich versorgt.
Anwendung und Dosierung
- Tee: 1 bis 2 Teelöffel (etwa 1,5 bis 3 g) getrocknetes Quendelkraut mit rund 150 ml kochendem Wasser übergießen, zugedeckt 5 bis 10 Minuten ziehen lassen und abseihen. Zwei- bis dreimal täglich eine Tasse, bei Husten gern mit etwas Honig.
- Gurgellösung: Den abgekühlten Tee mehrmals täglich zum Gurgeln oder Spülen verwenden.
- Inhalation: Eine Handvoll Kraut mit heißem, nicht mehr kochendem Wasser übergießen und die Dämpfe einige Minuten einatmen. Vorsicht vor Verbrühungen; für Kleinkinder ungeeignet.
- Bad und Umschlag: Ein starker Aufguss kann einem Vollbad oder einem Umschlag zugesetzt werden.
- Ätherisches Öl: nur verdünnt äußerlich verwenden, nicht einnehmen.
- Dauer: Teekuren bei Erkältungsbeschwerden auf etwa eine Woche beschränken; bei anhaltenden Beschwerden ärztlichen Rat einholen.
Quendel ist in Drogerien und Apotheken als getrocknetes Kraut und als Bestandteil von Husten- und Bronchialteemischungen erhältlich. Für Tee empfiehlt sich geprüfte Arzneibuchqualität.
Geschichte und Überlieferungen
Thymian-Arten werden seit der Antike als Gewürz, Räucherwerk und Heilmittel geschätzt. Der römische Dichter Vergil erwähnt in seinen Hirtengedichten, wie Knoblauch und Quendel (serpyllum) zu einer würzigen Speise für die Erntearbeiter zerstoßen werden, und auch Plinius der Ältere beschreibt die Pflanze. Der deutsche Name Quendel geht vermutlich über das Althochdeutsche auf das lateinische cunila zurück, mit dem in der Antike mehrere würzige Lippenblütler bezeichnet wurden.
In der mittelalterlichen Kräuterkunde hatte der Quendel einen festen Platz; auch Hildegard von Bingen erwähnt ihn in ihren naturkundlichen Schriften. Als heimische Wildpflanze war er leichter zugänglich als der Echte Thymian aus dem Süden und wurde in der Volksmedizin vor allem bei Husten, Verdauungsbeschwerden und als Badezusatz verwendet. Im Brauchtum gehörte er vielerorts zu den Kräutern geweihter Kräuterbüschel und galt als Schutzkraut. Als Würze für Fleisch, Wurst, Käse und Kräuteressig wird er bis heute verwendet.
Gegenanzeigen und Wechselwirkungen
- Allergie: Bei Überempfindlichkeit gegen Thymian oder andere Lippenblütler wie Rosmarin, Oregano oder Salbei nicht anwenden.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Als Gewürz unbedenklich. Für arzneiliche Mengen fehlen Sicherheitsdaten; Tee nur zurückhaltend und nach Rücksprache trinken, ätherisches Öl meiden.
- Kinder: Für Säuglinge und Kleinkinder kein ätherisches Öl und keine Inhalation verwenden – Öle mit Thymol können bei ihnen Atemprobleme auslösen. Tee für Kinder nur nach ärztlicher Rücksprache.
- Ätherisches Öl: nie unverdünnt auf Haut oder Schleimhaut auftragen, es kann Reizungen verursachen; nicht einnehmen.
- Magen: Größere Mengen können bei empfindlichen Menschen Magenbeschwerden auslösen.
- Wechselwirkungen: Mit Medikamenten sind keine Wechselwirkungen bekannt. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte pflanzliche Anwendungen trotzdem ärztlich oder in der Apotheke abstimmen.
- Warnzeichen: Hohes Fieber, Atemnot, blutiger oder eitriger Auswurf oder Husten über mehr als eine Woche erfordern eine ärztliche Abklärung.
Häufige Fragen und Antworten (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Quendel und Thymian?
Quendel (Thymus serpyllum) ist eine eigene, in Mitteleuropa heimische Wildart, die flache, kriechende Polster bildet. Der Echte Thymian (Thymus vulgaris) stammt aus dem Mittelmeerraum, wächst als aufrechter Halbstrauch und enthält meist mehr ätherisches Öl. Beide werden ähnlich verwendet; für den Echten Thymian ist die Wirkung bei Husten jedoch besser untersucht und von der EMA als traditionelle Anwendung anerkannt.
Wofür wird Quendel volksmedizinisch eingesetzt?
Vor allem bei Atemwegsbeschwerden wie Husten und Bronchialkatarrh als Tee. Auch bei Verdauungsbeschwerden und äußerlich bei kleinen Wunden.
Wie bereite ich Quendeltee zu?
Übergießen Sie 1 bis 2 Teelöffel (etwa 1,5 bis 3 g) getrocknetes Quendelkraut mit rund 150 ml kochendem Wasser, lassen Sie den Tee zugedeckt 5 bis 10 Minuten ziehen und seihen Sie ihn ab. Üblich sind zwei bis drei Tassen täglich.
Gibt es bekannte Wechselwirkungen mit Medikamenten?
Bisher sind keine signifikanten Wechselwirkungen mit Medikamenten bekannt. Dennoch ist es ratsam, Ihren Arzt zu konsultieren, wenn Sie Medikamente einnehmen.
Kann Quendelöl äußerlich angewendet werden?
Ätherisches Quendelöl wird volksmedizinisch äußerlich angewendet. Es sollte jedoch niemals unverdünnt auf die Haut aufgetragen werden, da es Hautreizungen verursachen kann.
Quellen und weiterführende Informationen
- Jalil B et al. (2024): Wild thyme (Thymus serpyllum L.): a review of the current evidence of nutritional and preventive health benefits. Front Nutr 11:1380962. -> PubMed PMID 38846542
- Wikipedia: Sand-Thymian (Quendel)
- Wikipedia (EN): Thymus serpyllum (Wild Thyme)
- PMC: Ethnobotanical, Phytochemical, and Pharmacological Study of Thymus serpyllum L. (Review)
- Salaria D et al. (2023): A comprehensive review on traditional applications, phytochemistry, pharmacology, and toxicology of Thymus serpyllum. PubMed PMID 38174535
- EMA/HMPC: Thymi herba – EU-Monographie zum Echten Thymian (Vergleich; für Quendel besteht keine eigene Monographie)

Über den Autor
Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax
Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.
Die bereitgestellten Informationen dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.
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