Nattokinase – Wirkung, Inhaltsstoffe & Anwendung
Herkunft und Gewinnung
Nattokinase ist ein Enzym, das bei der Herstellung von Nattō entsteht – einem traditionellen japanischen Lebensmittel aus fermentierten Sojabohnen. Verantwortlich für die Fermentation ist das Bakterium Bacillus subtilis ssp. natto, im Japanischen nattōkin genannt. Von diesem Bakteriennamen leitet sich die Bezeichnung des Enzyms ab: Nattokinase ist trotz der Endung -kinase keine Kinase im biochemischen Sinne, sondern eine extrazelluläre Serinprotease aus der Subtilisin-Familie. Ihre Aminosäuresequenz stimmt zu etwa 99,5 % mit Subtilisin E überein.
Das Molekül besteht aus 275 Aminosäureresten und besitzt eine Molekülmasse von etwa 28 kDa. Es zählt zu den alkalischen Proteasen, arbeitet also bevorzugt im leicht basischen Milieu.
Die Herstellung von Nattō folgt einem seit Jahrhunderten überlieferten Verfahren: Kleine Sojabohnen werden gereinigt, über Nacht eingeweicht und anschließend gekocht. Die noch warmen Bohnen werden mit Bacillus subtilis ssp. natto beimpft und fermentieren – bei Raumtemperatur etwa einen Tag, bei erhöhter Temperatur von 40–43 °C nur sechs bis acht Stunden. Während dieses Vorgangs werden rund 50 % der Sojaproteine aufgespalten; etwa 20 % davon werden zu Polyglutaminsäuren umgesetzt, die für die charakteristische fadenziehende Schleimschicht des Nattō verantwortlich sind. In derselben Phase bildet das Bakterium auch die Nattokinase.
Gewinnung für Nahrungsergänzungsmittel: Für Kapselprodukte wird das Enzym nicht mehr ausschließlich aus dem Lebensmittel Nattō extrahiert. Heute erfolgt die Herstellung überwiegend durch gezielte Fermentation in Batch-Kulturen oder auf rekombinantem Weg, was gleichmäßigere Ausbeuten erlaubt. In Japan besteht darüber hinaus ein Zertifizierungsprogramm für Erzeugnisse, die ausschließlich aus natürlichem Bacillus subtilis var. natto gewonnen werden. Für den europäischen Markt bestimmte Rohstoffe werden in der EU (vorwiegend in AT und DE) verarbeitet und abgefüllt; die Ausgangsfermentation findet häufig in Asien statt.
Inhaltsstoffe
Bei Nattokinase-Präparaten muss man sorgfältig unterscheiden zwischen dem isolierten Enzym und dem Lebensmittel Nattō, aus dem es stammt. Beide haben ein sehr unterschiedliches Inhaltsstoffprofil – und genau dieser Unterschied ist für die Sicherheitsbewertung entscheidend.
Das Enzym selbst ist ein Protein: eine Serinprotease mit 275 Aminosäureresten und rund 28 kDa Molekülmasse. Weitere Nährstoffe enthält es nicht. Hersteller geben die enzymatische Aktivität häufig in fibrinolytic units (FU) an. Dabei handelt es sich um eine Aktivitätsangabe aus dem Labor, nicht um eine Nährwertangabe – und in der EU ist ihre Verwendung in der Bewerbung von Nahrungsergänzungsmitteln nach Einschätzung der Verbraucherzentrale nicht zulässig.
Das Lebensmittel Nattō hingegen ist ein komplexes Fermentationserzeugnis und enthält:
- Vitamin K2 (Menachinon-7, MK-7): etwa 880 µg pro 100 g – einer der höchsten in Lebensmitteln gemessenen Gehalte überhaupt. Eine übliche Portion von 50 g liefert rund 380 µg MK-7. Nattō gilt damit als die reichhaltigste natürliche MK-7-Quelle. Mehr dazu auf unserer Seite zu Vitamin K2 (Menachinon, MK-7).
- Sojaprotein und Peptide aus dem fermentativen Eiweißabbau
- Polyglutaminsäure – der schleimbildende Bestandteil
- B-Vitamine, die während der Fermentation gebildet werden
- Spermidin – ein Polyamin, das ebenfalls im Nattō enthalten ist (siehe Spermidin)
- Isoflavone aus der Sojabohne
Der außergewöhnlich hohe Vitamin-K2-Gehalt des Nattō ist der Grund, weshalb dieses Lebensmittel für Menschen unter bestimmten gerinnungshemmenden Therapien besonders kritisch zu betrachten ist – dazu ausführlich der Abschnitt „Gegenanzeigen und Wechselwirkungen". Isolierte Nattokinase-Präparate enthalten dagegen je nach Herstellungsverfahren kein oder nur wenig Vitamin K2; verlässlich Auskunft gibt nur die Produktdeklaration.
Traditionelle und moderne Anwendungsgebiete
Nattokinase besitzt in Europa keine volksmedizinische Tradition. Das Ausgangslebensmittel Nattō hingegen wird in Japan seit Jahrhunderten gegessen. Die folgenden Abschnitte trennen daher konsequent zwischen der Ernährungstradition, den Befunden aus der Laborforschung und dem, was für den Menschen belegt ist – Letzteres ist deutlich weniger, als die Bewerbung vieler Produkte vermuten lässt.
Nattō als traditionelles Lebensmittel
Fermentierte Sojabohnen werden in asiatischen Ländern seit über 2.000 Jahren verzehrt. In Japan ist Nattō ein alltägliches Frühstücksgericht, das typischerweise über Reis gegessen und mit Sojasauce, Senf, Frühlingszwiebeln oder einem rohen Ei kombiniert wird. Auch in Sushi-Rollen, Suppen und Nudelgerichten findet es Verwendung. Der intensive Geruch und die fadenziehende Konsistenz machen es zu einem Lebensmittel, an das man sich gewöhnen muss. Als Bestandteil einer traditionellen Ernährungsweise ist Nattō gut etabliert – daraus lässt sich jedoch keine Aussage über isolierte Enzympräparate ableiten.
Befunde aus der Laborforschung
Das wissenschaftliche Interesse an Nattokinase gründet auf In-vitro-Beobachtungen: Im Reagenzglas zeigt das Enzym eine ausgeprägte fibrinolytische Aktivität, das heißt, es spaltet Fibrin – jenes Eiweiß, das beim Gerinnungsvorgang das Gerüst eines Blutgerinnsels bildet. Beschrieben wird zudem, dass das Enzym den Plasminogen-Aktivator-Inhibitor Typ 1 (PAI-1) spalten und inaktivieren kann. Tierexperimentell wurden Effekte nach intravenöser Gabe beobachtet.
Diese Befunde erklären, warum das Enzym überhaupt untersucht wird. Sie sagen jedoch nichts darüber aus, was nach dem Schlucken einer Kapsel geschieht. Genau hier liegt die zentrale offene Frage: Eine viel zitierte Übersichtsarbeit hält ausdrücklich fest, dass keine überzeugenden Daten zur Bioverfügbarkeit und zum Stoffwechsel von oral zugeführter Nattokinase vorliegen. Ein Enzym von 28 kDa Größe müsste den Magen-Darm-Trakt unzerlegt passieren und in den Blutkreislauf gelangen, um dort überhaupt wirken zu können – ein Schritt, der bisher nicht belastbar nachgewiesen ist.
Klinische Studienlage beim Menschen
Die Verbraucherzentrale bewertet die vorliegende Evidenz ausdrücklich kritisch: Die wissenschaftliche Datenlage zum Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System sei „dürftig und uneindeutig". Die vorhandenen Studien lieferten uneinheitliche Ergebnisse und seien über kurze Zeiträume durchgeführt worden. Ob überhaupt eine Beeinflussung der Blutgerinnung beim Menschen stattfindet, ist demnach unklar. Eine randomisierte kontrollierte Studie aus dem Jahr 2021 fand bei gesunden Personen keinen Effekt auf die Intima-Media-Dicke der Halsschlagader.
Hinzu kommt ein praktisches Problem: Die in Deutschland und Österreich angebotenen Nattokinase-Erzeugnisse sind nicht standardisiert. Für diese Produkte existiert kein Wirksamkeitsnachweis. Und: Die Sicherheit einer Einnahme über mehr als zwölf Monate wurde bislang nicht untersucht.
Wir formulieren das bewusst deutlich, weil Nattokinase häufig mit sehr weitreichenden Versprechen beworben wird. Aussagen zu Thrombosen, zur Blutdrucksenkung oder zu einer „natürlichen Blutverdünnung" sind durch die vorliegenden Daten nicht gedeckt und in der EU zudem rechtlich unzulässig.
Unbelegte Behauptungen im Umfeld von Impfungen
Seit einigen Jahren kursiert die Behauptung, Nattokinase könne Spikeproteine aus mRNA-Impfungen „neutralisieren". Die Verbraucherzentrale stuft diese Aussage als wissenschaftlich unbegründet ein: Ein Kontakt zwischen einem oral aufgenommenen Enzym und Proteinen im Muskelgewebe ist biochemisch nicht plausibel. Wir raten dringend davon ab, Nahrungsergänzungsmittel auf Basis solcher Behauptungen einzunehmen.
Regulatorische Einordnung in der EU
Für Nattokinase existiert in der Europäischen Union kein zugelassener gesundheitsbezogener Claim. Das EU-Register der nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben, geführt nach der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006, enthält keine zugelassene Angabe für diesen Stoff. Damit ist die Bewerbung von Nattokinase-Produkten mit gesundheitsbezogenen Aussagen – gleich welcher Art – nicht erlaubt. Auch die Angabe von „fibrinolytic units" (FU) als Verkaufsargument ist nach Einschätzung der Verbraucherzentrale eine unzulässige Werbeaussage. Zugelassene Arzneimittel mit Nattokinase gibt es in Europa nicht.
Ein fehlender Claim ist aus unserer Sicht kein Makel, den man verschweigen müsste, sondern eine sachliche Information: Er bedeutet, dass ein wissenschaftlicher Nachweis einer gesundheitlichen Wirkung beim Menschen nach den strengen europäischen Maßstäben bislang nicht erbracht wurde.
Anwendung und Dosierung
Eine wissenschaftlich begründete Dosierungsempfehlung für Nattokinase lässt sich aus der vorliegenden Datenlage nicht ableiten. In veröffentlichten klinischen Untersuchungen wurden Tagesmengen im Bereich von etwa 2.000 bis 6.500 FU (fibrinolytische Einheiten) eingesetzt. Diese Zahlen dokumentieren, was in Studien verwendet wurde – sie stellen keine Empfehlung dar und sind wegen der fehlenden Standardisierung zwischen verschiedenen Präparaten auch nicht ohne Weiteres vergleichbar.
- Darreichungsform: überwiegend Kapseln; Nattō selbst wird als Lebensmittel verzehrt
- Einnahme: nach Herstellerangabe
- Dauer: Zur Sicherheit einer Anwendung über zwölf Monate hinaus liegen keine Untersuchungen vor
- Vor jeder Anwendung: ärztliche Rücksprache, insbesondere bei bestehender Medikation
Ganz wesentlich: Nattokinase ist unter keinen Umständen ein Ersatz für eine ärztlich verordnete gerinnungshemmende Therapie. In der Fachliteratur ist ein Fall dokumentiert, in dem eine Person Nattokinase anstelle von Warfarin einnahm und in der Folge eine Thrombosierung an einer mechanischen Herzklappe entwickelte, die einen erneuten Klappenersatz erforderlich machte. Verordnete Gerinnungshemmer dürfen niemals eigenmächtig abgesetzt oder ausgetauscht werden.
Wer sich für die fermentierten Sojabohnen an sich interessiert, kann Nattō als Lebensmittel in asiatischen Lebensmittelgeschäften beziehen. Auch hier gilt jedoch die Einschränkung für Menschen unter Vitamin-K-Antagonisten (siehe unten).
Geschichte und Hintergrund
Die Fermentation von Sojabohnen gehört zu den ältesten Konservierungs- und Veredelungstechniken Ostasiens; fermentierte Sojaerzeugnisse werden dort seit mehr als zwei Jahrtausenden verzehrt. Um die Entstehung des Nattō ranken sich in Japan mehrere Legenden, die die Entdeckung historischen Persönlichkeiten zuschreiben – der tatsächliche Ursprung ist nicht gesichert. Belegt ist hingegen, dass sich das Gericht während der Edo-Zeit über das System der sankin kōtai, der abwechselnden Anwesenheitspflicht der Regionalfürsten in Edo, im ganzen Land verbreitete.
Das Enzym selbst rückte erst im 20. Jahrhundert in den Blick der Forschung. In der japanischen Wissenschaft wurde die fibrinolytische Aktivität eines aus Nattō isolierten Enzyms beschrieben und dieses nach dem verantwortlichen Bakterium nattōkin benannt. Später zeigte die Sequenzanalyse die nahezu vollständige Übereinstimmung mit Subtilisin E, einer schon länger bekannten bakteriellen Protease.
Parallel dazu wurde ein zweiter Inhaltsstoff des Nattō international bekannt: das Menachinon-7. Japanische Untersuchungen zeigten, dass der regelmäßige Verzehr von Nattō die MK-7-Spiegel im Blut deutlich anhebt und den Carboxylierungsgrad von Osteocalcin verändert. Diese Befunde machten Nattō in der Vitamin-K-Forschung zu einem viel beachteten Lebensmittel – und sie sind zugleich der Grund für die wichtigste Sicherheitsfrage rund um dieses Erzeugnis.
Ab den 2000er-Jahren entstand daraus ein internationaler Markt für Nattokinase-Kapseln. Die Vermarktung entwickelte sich dabei erheblich schneller als die wissenschaftliche Absicherung – ein Muster, das in der Nahrungsergänzungsbranche häufiger zu beobachten ist und das eine nüchterne Einordnung umso wichtiger macht.
Gegenanzeigen und Wechselwirkungen
Dieser Abschnitt ist bei Nattokinase der bei Weitem wichtigste. Es handelt sich um einen Stoff, bei dem die Sicherheitsfragen die Nutzenfragen deutlich überwiegen.
Gerinnungshemmende und thrombozytenaggregationshemmende Medikamente
Die Verbraucherzentrale nennt als Gegenanzeigen ausdrücklich die Einnahme gerinnungshemmender Medikamente – namentlich Phenprocoumon (z. B. Marcoumar, Marcumar) und Warfarin – sowie die regelmäßige Einnahme von Acetylsalicylsäure. Ebenfalls als Gegenanzeige genannt wird eine tiefe Venenthrombose in der Krankengeschichte. Dieselbe Vorsicht gilt sinngemäß für direkte orale Antikoagulanzien (DOAK) wie Apixaban, Rivaroxaban, Edoxaban oder Dabigatran sowie für weitere Thrombozytenaggregationshemmer, auch wenn zu diesen Kombinationen kaum Untersuchungen vorliegen.
Der Mechanismus ist doppelt problematisch – und in zwei entgegengesetzte Richtungen:
- Verstärkung: Die im Labor beschriebene fibrinolytische Aktivität überschneidet sich mechanistisch mit der Wirkweise von Gerinnungshemmern und Thrombozytenaggregationshemmern. Fachinstitutionen weisen daher übereinstimmend auf ein erhöhtes Blutungsrisiko bei gleichzeitiger Anwendung hin.
- Abschwächung: Nattō enthält sehr hohe Mengen an Vitamin K in Form von MK-7. Vitamin K ist der Gegenspieler der Vitamin-K-Antagonisten (Phenprocoumon, Warfarin) – eine hohe Zufuhr kann deren Wirkung abschwächen und die Einstellung der Gerinnungswerte erheblich stören. Erschwerend kommt hinzu, dass Bacillus subtilis auch im Darm weiter Vitamin K bilden kann. Aus diesem Grund gilt Nattō als Lebensmittel für Personen unter Vitamin-K-Antagonisten als besonders kritisch.
Eine Meta-Analyse zum Nattō-Verzehr formuliert es so, dass jede Steigerung der Nattō- oder MK-7-Zufuhr bei Personen unter gerinnungshemmender Therapie nur unter ärztlicher Aufsicht erfolgen sollte. Wir schließen uns dieser Einschätzung an und raten Betroffenen von einer eigenmächtigen Einnahme ab.
Operationen und Eingriffe
Vor geplanten Operationen, zahnärztlichen Eingriffen, Punktionen, Koloskopien oder Injektionen sollte die Einnahme rechtzeitig – in der Regel mindestens zwei Wochen vorher – beendet und der behandelnde Arzt informiert werden. Das gilt ebenso für Notfallsituationen: Sagen Sie dem medizinischen Personal immer, welche Nahrungsergänzungsmittel Sie einnehmen.
Blutungsneigung und dokumentierte Zwischenfälle
In der Literatur sind mehrere schwerwiegende Einzelfälle dokumentiert: eine akute Kleinhirnblutung bei gleichzeitiger Einnahme von Acetylsalicylsäure und Nattokinase (400 mg täglich), eine tödlich verlaufende innere Blutung bei einer älteren Frau, die frei verkäufliche Nattokinase einnahm, sowie die bereits erwähnte Klappenthrombose nach Ersatz der verordneten Therapie. Personen mit bekannten Gerinnungsstörungen, mit Blutungsneigung, mit Magen-Darm-Geschwüren, nach Hirnblutungen oder mit unkontrolliertem Bluthochdruck sollten Nattokinase nicht einnehmen.
Weitere Gegenanzeigen und Interaktionen
- Sojaallergie: Nattokinase stammt aus fermentierten Sojabohnen. Bei Sojaallergie ist sie zu meiden; Anaphylaxien nach Verzehr fermentierter Sojabohnen sind beschrieben.
- Weitere Stoffe mit Einfluss auf die Blutgerinnung: Die Verbraucherzentrale nennt eine mögliche Verstärkung blutverdünnender Effekte bei gleichzeitiger Einnahme von Ginkgo, Omega-3-Fettsäuren oder Knoblauch.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Es liegen keine Sicherheitsdaten vor – von einer Einnahme ist abzuraten.
- Kinder und Jugendliche: keine Daten, keine Anwendung.
- Injektion: Nattokinase ist ausschließlich ein oral verzehrtes Erzeugnis. Ein dokumentierter Fall einer Selbstinjektion endete mit einer Armamputation. Nahrungsergänzungsmittel dürfen niemals injiziert werden.
- Langzeitanwendung: Die Sicherheit über zwölf Monate hinaus ist nicht untersucht.
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehört die Behandlung in ärztliche Hand.
Häufige Fragen und Antworten (FAQ)
Was ist Nattokinase und woher stammt sie?
Nattokinase ist ein Enzym, das bei der Fermentation gekochter Sojabohnen durch das Bakterium Bacillus subtilis ssp. natto entsteht – bei der Herstellung des japanischen Lebensmittels Nattō. Biochemisch handelt es sich um eine extrazelluläre Serinprotease der Subtilisin-Familie mit 275 Aminosäureresten und etwa 28 kDa Molekülmasse; trotz des Namens ist sie keine Kinase. Für Nahrungsergänzungsmittel wird sie heute überwiegend durch gezielte Fermentation gewonnen.
Darf Nattokinase mit gesundheitsbezogenen Aussagen beworben werden?
Nein. Im EU-Register der nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben nach Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 ist für Nattokinase keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen. Werbeaussagen zu Herz-Kreislauf-Wirkungen, Thrombosen, Blutdruck oder „Blutverdünnung" sind unzulässig. Auch die Angabe von fibrinolytischen Einheiten (FU) als Verkaufsargument gilt nach Einschätzung der Verbraucherzentrale als unzulässige Werbeaussage. Zugelassene Arzneimittel mit Nattokinase gibt es in Europa nicht.
Darf ich Nattokinase einnehmen, wenn ich Gerinnungshemmer bekomme?
Nein – nicht ohne ärztliche Rücksprache, und in aller Regel gar nicht. Die Verbraucherzentrale nennt die Einnahme von Phenprocoumon (Marcoumar/Marcumar), Warfarin oder regelmäßiger Acetylsalicylsäure ausdrücklich als Gegenanzeige. Dasselbe gilt sinngemäß für direkte orale Antikoagulanzien. Hinzu kommt, dass Nattō sehr viel Vitamin K2 enthält, das die Wirkung von Vitamin-K-Antagonisten abschwächen kann. Verordnete Gerinnungshemmer dürfen niemals eigenmächtig durch Nattokinase ersetzt werden.
Was ist der Unterschied zwischen Nattō und Nattokinase-Kapseln?
Nattō ist das vollständige Lebensmittel: fermentierte Sojabohnen mit Sojaprotein, Isoflavonen, Polyglutaminsäure, B-Vitaminen, Spermidin und sehr viel Vitamin K2 (etwa 880 µg MK-7 je 100 g). Nattokinase-Kapseln enthalten dagegen im Wesentlichen nur das isolierte Enzym; ihr Vitamin-K2-Gehalt hängt vom Herstellungsverfahren ab und ist der Produktdeklaration zu entnehmen. Die in Deutschland und Österreich angebotenen Präparate sind nicht standardisiert, und ein Wirksamkeitsnachweis liegt für sie nicht vor.
Quellen und weiterführende Informationen
- Verbraucherzentrale: Nattokinase – Hilfe bei Herz-Kreislauf-Problemen? verbraucherzentrale.de
- Memorial Sloan Kettering Cancer Center: Nattokinase – Integrative Medicine Herb Database (Wirkmechanismus, Nebenwirkungen, Wechselwirkungen). mskcc.org
- Nattokinase: A Promising Alternative in Prevention and Treatment of Cardiovascular Diseases. Übersichtsarbeit, PMC6043915 – Molekülgröße, Mechanismus, Studiendosierungen in FU, fehlende Bioverfügbarkeitsdaten, Fallberichte. PMC-Volltext
- Habitual natto intake elevates serum MK-7 levels, enhances osteocalcin carboxylation, and supports bone density: a meta-analysis of Japanese evidence (PMC12699326) – MK-7-Gehalt einer 50-g-Portion, Hinweis zur ärztlichen Überwachung bei Antikoagulation. PMC-Volltext
- Europäische Kommission: Nutrition and health claims – EU-Register der nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben, Verordnung (EG) Nr. 1924/2006. food.ec.europa.eu
- Wikipedia: Nattō (Herstellung, Fermentation, Vitamin-K2-Gehalt, Geschichte)
- Wikipedia (EN): Nattokinase (Enzymklasse, Subtilisin-Verwandtschaft, Herstellung, Studienlage)

Über den Autor
Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax
Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.
Die bereitgestellten Informationen dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.
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