Serrapeptase (Serratiopeptidase) – Wirkung, Inhaltsstoffe & Anwendung

Herkunft und Gewinnung

Serrapeptase – in der Fachliteratur meist Serratiopeptidase genannt, gelegentlich als TSP abgekürzt – ist ein eiweißspaltendes (proteolytisches) Enzym bakteriellen Ursprungs. Sie zählt damit zur selben großen Stoffgruppe wie die pflanzlichen Enzyme Bromelain und Papain, unterscheidet sich von diesen aber deutlich in ihrer Herkunft und vor allem in ihrer Geschichte. Diese Seite beschreibt, was Serrapeptase chemisch ist, woher sie stammt, was die wissenschaftliche Literatur tatsächlich hergibt – und was sie ausdrücklich nicht hergibt.

Ein Enzym aus dem Darm des Seidenspinners

Der Ursprung der Serrapeptase ist eine der ungewöhnlichsten Entdeckungsgeschichten der Enzymforschung. In den späten 1960er-Jahren suchten japanische Forschungslabore systematisch nach Mikroorganismen, die besonders leistungsfähige Proteasen abgeben. Im Zuge dieses Screenings wurde aus dem Darm des Seidenspinners (Bombyx mori) ein Bakterienstamm der Gattung Serratia isoliert, der als Stamm E15 bezeichnet wurde. Heute wird dieser Stamm als Serratia sp. E-15 beziehungsweise Serratia marcescens ATCC 21074 geführt.

Warum ausgerechnet der Seidenspinner? Weil dieses Enzym dort eine sehr konkrete biologische Aufgabe erfüllt: Es ist im Darm der Raupe vorhanden und ermöglicht dem schlüpfenden Falter, seinen Kokon aufzulösen. Der Kokon besteht im Wesentlichen aus Seidenproteinen – und genau diese Proteine muss das Tier abbauen, um sich zu befreien. Ein Enzym, das Seide zersetzen kann, ist zwangsläufig ein sehr kräftiger Eiweißspalter. Das war der Grund, warum es die Aufmerksamkeit der Forschung auf sich zog.

In der zeitgenössischen japanischen Dokumentation ist auch der Kultivierungsansatz überliefert: Der E15-Stamm gab in einem Flüssigmedium, dessen Hauptbestandteile Milchkasein und Sojaschrot waren, bei 25 °C und achtzehnstündiger Schüttelkultur große Mengen dieser Protease an das Medium ab. Bereits damals wurde beschrieben, dass es sich um eine Metalloprotease mit einem Molekulargewicht von rund 60.000 handelt, deren Aktivität zwingend Zink erfordert.

Vom Bakterium zum Rohstoff

Die technische Gewinnung folgt bis heute demselben Grundprinzip. Der Stamm wird zunächst züchterisch auf eine höhere Enzymausbeute hin verbessert und anschließend im Fermenter in Submerskultur vermehrt. Aus der Kulturbrühe wird nach der Abtrennung der Bakterien das Enzym gewonnen – historisch durch aufeinanderfolgende Fällungsschritte mit Ammoniumsulfat und Aceton, gefolgt von strenger Sterilfiltration und Gefriertrocknung. Auf diesem Weg gelang seinerzeit ein Enzympräparat mit einer Reinheit von über 80 Prozent, ohne dass sich das Enzym dabei selbst verdaute – bei einer Protease ist das keine Selbstverständlichkeit, sondern die zentrale verfahrenstechnische Hürde.

Moderne Arbeiten befassen sich damit, Serratiopeptidase auch aus anderen Bakterienquellen zu gewinnen und die Produktionsbedingungen zu optimieren; entsprechende Untersuchungen zur Isolierung serratiopeptidasebildender Bakterien aus unterschiedlichen Habitaten sind in der mikrobiologischen Fachliteratur dokumentiert.

Herkunft der Fertigprodukte

Serrapeptase ist kein pflanzlicher Rohstoff und wird nirgends angebaut – sie entsteht ausschließlich im Fermenter. Bei Kräutermax gilt für Nahrungsergänzungsmittel grundsätzlich, dass die Rohstoffe aus geprüften Quellen bezogen werden und die Herstellung beziehungsweise Abfüllung der Fertigprodukte in der EU (vorwiegend in AT und DE) erfolgt und damit dem europäischen Lebensmittelrecht unterliegt.

Inhaltsstoffe

Ein Serrapeptase-Präparat enthält als kennzeichnenden Bestandteil ein einziges Molekül – das Enzym selbst. Dessen Eigenschaften sind gut charakterisiert:

  • Enzymklasse: Metalloprotease (Zink als Cofaktor), EC 3.4.24.40, Mitglied der Peptidase-Familie M10B (Matrixine), zugeordnet der Gruppe der Serralysine. CAS-Nummer 70851-98-8.
  • Größe und Aufbau: etwa 470 Aminosäuren, Molekulargewicht je nach Quelle mit rund 50 kDa beziehungsweise in einem Bereich von 45–60 kDa angegeben.
  • Arbeitsbedingungen: Das Enzym zeigt seine höchste proteolytische Aktivität im alkalischen Bereich bei etwa pH 9,0 und rund 40 °C.
  • Verwandtschaft: Strukturell bestehen Ähnlichkeiten zur alkalischen Protease aus Pseudomonas aeruginosa, insbesondere im calciumbindenden Strukturmotiv.

Ein praktischer Hinweis zur Kennzeichnung: Bei Enzymen ist die Angabe in Milligramm für sich genommen wenig aussagekräftig, weil sie nichts über die tatsächliche Aktivität aussagt. Üblich sind deshalb zusätzlich Aktivitätseinheiten. Da die verwendeten Einheitensysteme und Bestimmungsmethoden zwischen Herstellern nicht einheitlich sind, lassen sich Produkte anhand der Etikettenangaben oft nur eingeschränkt miteinander vergleichen. Wer Produkte gegenüberstellt, sollte darauf achten, ob überhaupt dieselbe Einheit verwendet wird.

Ein zweiter formulierungstechnischer Punkt ergibt sich aus der Natur der Sache: Serrapeptase ist selbst ein Protein. Im Magen herrscht ein stark saures Milieu, in dem körpereigene Proteasen Nahrungseiweiß zerlegen – ein zugeführtes Enzym ist davon nicht ausgenommen. Aus diesem Grund werden Serrapeptase-Präparate üblicherweise in magensaftresistenter Form angeboten, also mit einem Überzug, der sich erst im Dünndarm öffnet. Solche Kapseln oder Tabletten dürfen deshalb nicht geöffnet, geteilt oder zerkaut werden, weil sonst genau der Schutz entfällt, dessentwegen die Darreichungsform gewählt wurde.

Traditionelle und moderne Anwendungsgebiete

Serrapeptase besitzt keinerlei volksmedizinische Tradition. Sie ist kein Kraut, das über Generationen weitergegeben wurde, sondern ein Laborstoff des 20. Jahrhunderts – entdeckt in einem industriellen Screening, entwickelt als Arzneimittel und erst viel später als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet. Diese Reihenfolge ist für das Verständnis der Substanz entscheidend.

Die Ära der Enzympräparate

Zwischen den 1960er- und den frühen 1970er-Jahren entstand in rascher Folge eine ganze Generation von Enzymarzneimitteln. Neben der Serratiopeptidase wurden unter anderem Pronase, Bromelain, Seaprose S, das polysaccharidspaltende Lysozymchlorid, die nukleinsäurespaltende Streptodornase sowie Streptokinase entwickelt. Danach kam die Entwicklung von Enzympräparaten für längere Zeit weitgehend zum Erliegen. Wer sich für die Stoffgruppe insgesamt interessiert, findet in unserem Überblicksbeitrag zu Enzymen und bei der Alpha-Amylase weitere Hintergründe; eine ähnlich gelagerte, ebenfalls mikrobiell gewonnene Protease ist die Nattokinase.

Was die Studienlage tatsächlich hergibt

Serrapeptase wird heute international breit beworben. Wir geben diese Werbeaussagen auf dieser Seite bewusst nicht wieder, und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist in der EU keine entsprechende Angabe zugelassen (siehe unten), zweitens hält die zugrunde liegende Evidenz einer Prüfung nicht stand. Letzteres ist keine Meinung, sondern das übereinstimmende Ergebnis der Übersichtsliteratur.

Eine systematische Übersichtsarbeit im International Journal of Surgery (2013) hat die verfügbaren Publikationen gesammelt und nach dem Bewertungsschema des Scottish Intercollegiate Guidelines Network eingestuft. Insgesamt erfüllten 24 Arbeiten zur klinischen Wirksamkeit die Einschlusskriterien. Das Fazit der Autorinnen und Autoren fällt eindeutig aus: Die Evidenz stütze sich auf klinische Studien von schlechter Methodik. Es gebe nur wenige randomisierte kontrollierte Studien, diese seien meist placebokontrolliert und mit kleiner Fallzahl; in einem Teil der Arbeiten seien weder Dosis noch Behandlungsdauer angegeben, und in einigen sei der Endpunkt nicht klar definiert worden.

Eine unabhängige Sichtung kommt zum selben Bild: Von den in medizinischen Datenbanken auffindbaren Publikationen entfiel ein erheblicher Teil auf Tierversuche, Leserbriefe, unkontrollierte Studien oder Untersuchungen mit unzureichender beziehungsweise fehlender Randomisierung. Die Qualität der vorhandenen randomisierten Untersuchungen wurde insgesamt als generell schlecht beschrieben. Für mehrere Anwendungsbereiche, die im Internet regelmäßig genannt werden, wurden überhaupt keine Studien gefunden.

Wie deutlich diese Bewertung inzwischen auch in die Versorgungsforschung durchgeschlagen ist, zeigt eine 2024 im Indian Journal of Medical Research veröffentlichte Auswertung von Verordnungen aus indischen Krankenhäusern der Maximalversorgung. Serratiopeptidase gehörte dort zu den Wirkstoffen, die am häufigsten unangemessen verordnet wurden – sie war in 25 von 475 Verordnungen mit nicht akzeptabler Leitlinienabweichung enthalten (5,26 Prozent). Als Begründung ist in der Arbeit wörtlich festgehalten, die vorhandene wissenschaftliche Evidenz für Serratiopeptidase reiche für ihren Einsatz nicht aus; als Folgen werden erhöhte Therapiekosten und ein erhöhtes Risiko unerwünschter Arzneimittelwirkungen genannt.

Der Rückzug vom japanischen Arzneimittelmarkt

Der aufschlussreichste Teil der Serrapeptase-Geschichte spielt in ihrem Ursprungsland. Ab 1968 wurde das Enzym in Japan als verschreibungspflichtiges Arzneimittel unter dem Handelsnamen Danzen vertrieben, zuletzt als Tabletten zu 5 mg und 10 mg sowie als einprozentiges Granulat; zahlreiche Hersteller boten Generika an. Es handelte sich um kein Nischenprodukt: Für das Geschäftsjahr 2009 wird ein Umsatz von rund 6,7 Milliarden Yen ausgewiesen.

Auf Grundlage einer 1995 angestoßenen Neubewertung wurden klinische Studien durchgeführt, die die Wirksamkeit bei Patientinnen und Patienten mit chronischer Bronchitis sowie bei Sprunggelenksdistorsionen belegen sollten. Im Vergleich mit Placebo ergab sich kein signifikanter Unterschied. Am 19. Januar 2011 wies der zuständige Ausschuss für die Neubewertung von Arzneimitteln beim japanischen Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales den Hersteller an, die Wirksamkeit unter den Bedingungen der heutigen medizinischen Versorgung in einer erneuten Studie nachzuweisen. Das Unternehmen kam zu dem Schluss, ein Wirksamkeitsnachweis sei nur schwer zu führen, stellte den Vertrieb 2011 ein und entschied sich für einen freiwilligen Rückruf.

Damit endete die Geschichte der Stoffgruppe in Japan noch nicht: Auch Lysozym und Pronase wurden 2016 zurückgerufen, weil sich ein medizinischer Nutzen nicht bestätigen ließ. Seit Oktober 2016 ist in Japan kein orales entzündungshemmendes Enzympräparat mehr in der Arzneimittelpreisliste geführt.

Zum internationalen Zulassungsstand ist für den Stand 2011 dokumentiert, dass in den USA und in Kanada keine arzneimittelrechtliche Zulassung bestand, während in Frankreich, Deutschland und Italien Zulassungen existierten – in Frankreich allerdings ohne Vertrieb. Diese Uneinheitlichkeit ist der Grund, warum wir zur heutigen Einstufung serrapeptasehaltiger Produkte in einzelnen Mitgliedstaaten keine pauschale Aussage treffen: Der Status unterscheidet sich von Land zu Land, und eine belastbare, aktuelle Gesamtübersicht liegt uns nicht vor.

Regulatorische Einordnung in der EU

Zwei Punkte lassen sich dagegen eindeutig belegen, und beide sind negativ – wir halten es für richtig, das offen zu schreiben.

Erstens: Für Serrapeptase ist in der Europäischen Union kein gesundheitsbezogener Claim zugelassen. Maßgeblich ist Artikel 10 Absatz 1 der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006, der wörtlich bestimmt: „Gesundheitsbezogene Angaben sind verboten, sofern sie nicht den allgemeinen Anforderungen in Kapitel II und den speziellen Anforderungen im vorliegenden Kapitel entsprechen, gemäß dieser Verordnung zugelassen und in die Liste der zugelassenen Angaben gemäß den Artikeln 13 und 14 aufgenommen sind." Es gilt also ein Verbot mit Erlaubnisvorbehalt. Eine Volltextsuche in der konsolidierten Fassung des Anhangs der Verordnung (EU) Nr. 432/2012, die die zugelassenen Angaben abschließend auflistet, ergibt für die Begriffe „Serrapeptase" und „Serratiopeptidase" keinen einzigen Treffer. Es gibt somit keine Angabe, die für diesen Stoff rechtmäßig verwendet werden dürfte.

Zweitens: Es existiert keine Monographie des Ausschusses für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur. Auch das haben wir geprüft statt behauptet: Der offizielle, laufend aktualisierte EMA-Datensatz zu pflanzlichen Arzneimitteln enthält weder einen Eintrag zu Serratia noch zu Serrapeptase oder Serratiopeptidase. Das ist folgerichtig, denn HMPC-Monographien beziehen sich ausschließlich auf pflanzliche Stoffe und Zubereitungen – ein bakteriell gewonnenes Enzym fällt schon vom Anwendungsbereich her nicht darunter. Wer also eine „EMA-Monographie für Serrapeptase" zitiert findet, sollte misstrauisch werden.

Anwendung und Dosierung

Wir nennen an dieser Stelle bewusst keine Verzehrempfehlung und keinen Wirkungsbereich. Der Grund ergibt sich aus den vorangegangenen Abschnitten: Es gibt keine zugelassene gesundheitsbezogene Angabe, und es gibt keinen belastbaren Wirksamkeitsnachweis, an dem sich eine sinnvolle Mengenempfehlung orientieren könnte. Eine Dosierungsangabe würde eine Präzision vortäuschen, die die Datenlage nicht deckt.

  • Keine amtlichen Referenzwerte: Für Serrapeptase existieren weder ein Nährstoffbezugswert noch eine von einer europäischen Behörde abgeleitete tolerierbare Höchstmenge.
  • Herstellerangabe beachten: Wenn Sie ein Präparat verwenden, halten Sie sich an die auf der Packung angegebene Verzehrempfehlung und überschreiten Sie diese nicht.
  • Darreichungsform respektieren: Magensaftresistente Kapseln und Tabletten nicht öffnen, teilen oder zerkauen.
  • Ärztliche Rücksprache: Vor einer Anwendung ist ein Gespräch mit Ärztin oder Arzt sinnvoll – besonders bei bestehenden Erkrankungen und bei jeder Dauermedikation.
  • Einordnung: Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Sie sind auch kein Ersatz für eine ärztlich verordnete Therapie.

Geschichte und Hintergrund

Die Anwendung von Enzymen als Arzneistoffe reicht bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurück; frühe Beispiele sind Malzdiastase und Pankreatin. In den 1960er-Jahren nahm eine japanische Forschungsgruppe die Frage systematisch wieder auf, ob sich mikrobielle Proteasen als Arzneistoffe nutzen lassen. Zunächst gelang die Entwicklung eines Verdauungsenzympräparats aus einer sauren Protease des Zinnoberschwamms; anschließend richtete sich das Interesse auf neutrale und alkalische Proteasen.

Parallel dazu hatte in den USA die Beobachtung Aufmerksamkeit erregt, dass die Gabe von Trypsin bei Thrombophlebitis Veränderungen des Entzündungsgeschehens bewirkte. Aus dieser Konstellation entstand die Idee, mikrobielle Proteasen gezielt für diesen Zweck zu entwickeln – und aus dem Screening, das darauf folgte, ging der Stamm E15 aus dem Seidenspinnerdarm hervor. Beschrieben wurde damals unter anderem, dass das Enzym eine deutlich stärkere proteolytische Aktivität aufweist als Trypsin oder Chymotrypsin, dass es im Körper nicht von anderen Enzymen abgebaut wird und dass es die bei Fremdproteinen sonst übliche Antigen-Antikörper-Reaktion nicht auslöst. Untersuchungen mittels Radioimmunoassay wurden dahingehend interpretiert, dass eine Aufnahme aus dem Darm stattfindet.

Das so gewonnene Präparat erhielt den Namen Serratiopeptidase. 1968 kam es auf den Markt, mehr als vier Jahrzehnte lang wurde es verordnet – und 2011 endete diese Geschichte mit einem freiwilligen Rückruf, weil sich die Wirksamkeit gegenüber Placebo nicht belegen ließ.

Bemerkenswert ist die Umkehrung, die darauf folgte: Derselbe Stoff, der als Arzneimittel wegen fehlenden Wirksamkeitsnachweises vom Markt genommen wurde, erlebte anschließend im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel eine internationale Verbreitung. Für die Bewertung eines Stoffes ist diese zweite Karriere allerdings ohne Belang: Sie verändert die Studienlage nicht.

Gegenanzeigen und Wechselwirkungen

Dieser Abschnitt ist ausführlich, weil er der praktisch nützlichste Teil der Seite ist.

  • Gerinnungshemmende und thrombozytenaggregationshemmende Arzneimittel: Wer Antikoagulanzien (etwa Vitamin-K-Antagonisten oder direkte orale Antikoagulanzien) oder Thrombozytenaggregationshemmer einnimmt, sollte proteolytische Enzympräparate nicht ohne ärztliche Rücksprache zusätzlich anwenden. Bei eiweißspaltenden Enzymen wird ein Einfluss auf die Blutgerinnung diskutiert; eine mögliche Verstärkung der Blutungsneigung lässt sich nicht ausschließen. Da für Serrapeptase belastbare Interaktionsstudien am Menschen fehlen, ist Vorsicht hier die einzig vertretbare Haltung.
  • Vor Operationen und zahnärztlichen Eingriffen: Aus demselben Grund sollten Sie eine Einnahme rechtzeitig vor geplanten Eingriffen mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprechen und im Aufklärungsgespräch aktiv erwähnen. Nahrungsergänzungsmittel werden dort erfahrungsgemäß nicht abgefragt.
  • Bestehende Blutungsneigung: Bei bekannten Gerinnungsstörungen, aktiven Magen-Darm-Geschwüren oder frischen Verletzungen ist von einer eigenverantwortlichen Anwendung abzuraten.
  • Allergien und Überempfindlichkeit: Serrapeptase ist ein bakterielles Fremdprotein. Proteine können grundsätzlich allergische Reaktionen auslösen. In Japan wurde 1989 ein Fall eines Stevens-Johnson-Syndroms dokumentiert, der als Nebenwirkung des damaligen Arzneimittels angesehen wurde – eine seltene, aber schwerwiegende Hautreaktion. Bei Hautausschlag, Schleimhautveränderungen, Fieber oder Atembeschwerden ist die Einnahme sofort zu beenden und ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
  • Magen-Darm-Verträglichkeit: Bei proteolytischen Enzympräparaten sind Magen-Darm-Beschwerden die am häufigsten berichtete Beschwerdegruppe. Die magensaftresistente Formulierung ist auch aus diesem Grund üblich.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Es liegen keine belastbaren Daten zur Sicherheit vor. Ohne Daten gilt: nicht anwenden.
  • Kinder und Jugendliche: Ebenfalls keine belastbaren Daten – Serrapeptase-Präparate sind für diese Altersgruppen nicht geeignet.
  • Grenzen der Sicherheitsbewertung: Die bereits genannte systematische Übersichtsarbeit hatte ausdrücklich auch die Sicherheit zum Gegenstand. Wenn die Studien insgesamt methodisch schwach sind, gilt das nicht nur für die Wirksamkeits-, sondern ebenso für die Sicherheitsaussagen. Das Ausbleiben von Berichten über Nebenwirkungen ist kein Nachweis der Unbedenklichkeit – es kann auch bedeuten, dass nie systematisch danach gesucht wurde.
  • Keine Selbstbehandlung: Beschwerden, die ärztlich abgeklärt gehören, gehören ärztlich abgeklärt. Ein Nahrungsergänzungsmittel ersetzt keine Diagnose.

Häufige Fragen und Antworten (FAQ)

Was ist Serrapeptase überhaupt?

Serrapeptase, fachlich Serratiopeptidase, ist ein eiweißspaltendes Enzym, das von dem Bakterium Serratia sp. E-15 (Serratia marcescens ATCC 21074) gebildet wird. Der Stamm wurde in den späten 1960er-Jahren aus dem Darm des Seidenspinners Bombyx mori isoliert. Dort erfüllt das Enzym eine natürliche Aufgabe: Es ermöglicht dem schlüpfenden Falter, den aus Seidenproteinen bestehenden Kokon aufzulösen. Chemisch handelt es sich um eine zinkabhängige Metalloprotease mit rund 470 Aminosäuren aus der Peptidase-Familie M10B.

Warum wurde Serrapeptase in Japan vom Markt genommen?

Das Enzym wurde ab 1968 in Japan als Arzneimittel unter dem Namen Danzen vertrieben. Im Rahmen einer behördlichen Neubewertung wurden Studien bei chronischer Bronchitis und bei Sprunggelenksdistorsionen durchgeführt, in denen sich gegenüber Placebo kein signifikanter Unterschied zeigte. Am 19. Januar 2011 forderte der zuständige Ausschuss des japanischen Gesundheitsministeriums eine erneute Wirksamkeitsprüfung. Der Hersteller kam zu dem Schluss, dass ein Wirksamkeitsnachweis kaum zu führen sei, stellte den Vertrieb 2011 ein und rief das Produkt freiwillig zurück. 2016 wurden auch Lysozym und Pronase zurückgezogen; seither ist in Japan kein orales entzündungshemmendes Enzympräparat mehr in der Arzneimittelpreisliste gelistet.

Gibt es für Serrapeptase einen zugelassenen Health Claim in der EU?

Nein. Nach Artikel 10 Absatz 1 der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 sind gesundheitsbezogene Angaben verboten, sofern sie nicht ausdrücklich zugelassen und in die EU-Liste aufgenommen sind. Eine Volltextsuche im Anhang der Verordnung (EU) Nr. 432/2012 ergibt für „Serrapeptase" und „Serratiopeptidase" keinen Treffer. Ebenso wenig existiert eine HMPC-Monographie der Europäischen Arzneimittel-Agentur: Der offizielle EMA-Datensatz zu pflanzlichen Arzneimitteln enthält keinen Eintrag dazu, was schon deshalb folgerichtig ist, weil solche Monographien ausschließlich pflanzliche Stoffe betreffen.

Worauf sollte man achten, wenn man ein Präparat verwendet?

Am wichtigsten ist die Rücksprache mit Ärztin oder Arzt, wenn gerinnungshemmende oder thrombozytenaggregationshemmende Arzneimittel eingenommen werden oder ein operativer Eingriff bevorsteht. Magensaftresistente Kapseln und Tabletten sollten nicht geöffnet, geteilt oder zerkaut werden. In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern und Jugendlichen ist von einer Anwendung abzusehen, da belastbare Sicherheitsdaten fehlen. Bei Hautausschlag, Schleimhautveränderungen oder Atembeschwerden ist die Einnahme sofort zu beenden.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Serratiopeptidase: a systematic review of the existing evidence. International Journal of Surgery 2013; 11(3):209–217. DOI: 10.1016/j.ijsu.2013.01.010 | Eintrag bei Europe PMC
  2. Evaluation of prescriptions from tertiary care hospitals across India for deviations from treatment guidelines & their potential consequences. Indian Journal of Medical Research 2024; 159(2). DOI: 10.4103/ijmr.ijmr_2309_22 | Volltext (PMC)
  3. Enzyme-Based Anti-Inflammatory Therapeutics for Inflammatory Diseases. Pharmaceutics 2025; 17(5):606. DOI: 10.3390/pharmaceutics17050606 | Volltext (PMC)
  4. Bioprospecting of serratiopeptidase-producing bacteria from different sources. Frontiers in Microbiology 2024; 15:1382816. DOI: 10.3389/fmicb.2024.1382816 | Volltext (PMC)
  5. Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel, Artikel 10. Wortlaut Artikel 10
  6. Verordnung (EU) Nr. 432/2012 zur Festlegung einer Liste zulässiger anderer gesundheitsbezogener Angaben über Lebensmittel, Anhang (konsolidierte Fassung). Konsolidierter Volltext (EUR-Lex)
  7. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): Datensatz „Herbal medicines for human use" – offizielle Gesamtübersicht der HMPC-Monographien und -Bewertungen (XLSX, laufend aktualisiert). Datensatz herunterladen
  8. Wikipedia (EN): Serrapeptase
  9. Wikipedia (JA): セラチオペプチダーゼ (Serratiopeptidase) – Entwicklungsgeschichte und Marktrücknahme in Japan

Christoph Zauner, Drogist und Inhaber Kräutermax

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Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax

Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.

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