Angelikawurzel (Engelwurz): Wirkung, Inhaltsstoffe & Anwendung

Botanik und Beschreibung
Die Echte Engelwurz (Angelica archangelica L.), in Drogerie und Apotheke meist als Angelikawurzel bezeichnet, gehört zur Familie der Doldenblütler (Apiaceae) – wie Kümmel, Fenchel, Anis und Liebstöckel. Engelwurz und Angelika sind also zwei Namen für dieselbe Pflanze. Nicht zu verwechseln ist sie mit der Chinesischen Engelwurz (Angelica sinensis), die in der traditionellen chinesischen Medizin als „Dong Quai“ bekannt ist – einer eigenen Art mit anderem Anwendungsprofil.
Die Engelwurz ist eine stattliche, zwei- bis mehrjährige Pflanze, die Wuchshöhen von ein bis über zwei Metern erreicht. Sie bildet einen dicken, hohlen, oft rötlich überlaufenen Stängel und große, mehrfach gefiederte Blätter mit bauchig aufgeblasenen Blattscheiden. Von etwa Juni bis August trägt sie kugelige Doppeldolden mit grünlich-weißen bis grünlich-gelben Blüten. Nach der Fruchtreife stirbt die Pflanze in der Regel ab. Alle Teile riechen kräftig würzig-aromatisch.
Ihre natürliche Heimat liegt in Nord- und Osteuropa bis nach Nordasien; im hohen Norden wurde sie früher auch als Gemüse gegessen. In Mitteleuropa wächst sie vor allem an feuchten Standorten wie Flussufern und wird für den Arzneipflanzenbedarf feldmäßig angebaut. Arzneilich verwendet wird der Wurzelstock mit den Wurzeln (Angelicae archangelicae radix), der im Herbst des ersten oder im Frühjahr des zweiten Jahres geerntet und getrocknet wird. Die Wurzel schmeckt zunächst würzig-süßlich, dann bitter und brennend.
Vorsicht beim Selbersammeln
Unter den Doldenblütlern gibt es hochgiftige Doppelgänger, allen voran den Wasserschierling und den Gefleckten Schierling. Auch die heimische Wald-Engelwurz (Angelica sylvestris) sieht ähnlich aus, ist aber nicht die arzneilich verwendete Art. Wildsammlungen sind daher nur mit sicherer Pflanzenkenntnis vertretbar; im Zweifel auf geprüfte Ware aus Apotheke oder Drogerie zurückgreifen.
Inhaltsstoffe
Die Angelikawurzel vereint mehrere Stoffgruppen, die ihr den typischen Charakter eines aromatischen Bittermittels (Amarum aromaticum) geben:
- Ätherisches Öl: überwiegend Monoterpene wie α-Phellandren, α-Pinen und Limonen; dazu in geringer Menge makrozyklische Lactone, die den moschusartigen Duft der Wurzel mitprägen.
- Furanocumarine: unter anderem Bergapten, Xanthotoxin, Imperatorin, Angelicin und Archangelicin. Sie sind für die lichtsensibilisierende Wirkung verantwortlich (siehe Gegenanzeigen).
- Einfache Cumarine wie Osthol und Umbelliferon.
- Bitterstoffe, die gemeinsam mit dem ätherischen Öl den würzig-bitteren Geschmack bestimmen.
- Phenolcarbonsäuren wie Chlorogensäure und Kaffeesäure sowie Flavonoide.
Heilwirkung
Anwendungsbereiche und gesundheitliche Vorteile:
- Appetitlosigkeit – als aromatisches Bittermittel traditionell und in der deutschen Kommission-E-Monographie bei Appetitlosigkeit anerkannt.
- Magen-Darm-Beschwerden – bei leichten Magen-Darm-Krämpfen, Völlegefühl und Blähungen überliefert und von der Kommission E positiv bewertet.
- Atemwegserkrankungen – volksmedizinisch bei Husten und Erkältung verwendet, die ESCOP führt auch Bronchitis als Anwendungsgebiet; klinische Studien mit Angelikawurzel allein fehlen jedoch.
- Menstruationsbeschwerden – in der Volksheilkunde bei krampfartigen Regelschmerzen eingesetzt; eine Wirkung ist nicht belegt.
- Stressabbau – traditionell als „nervenstärkend“ geschätzt; klinische Daten zur Wirkung auf die Psyche fehlen.
- Entzündungshemmend – in Labor- und Tierversuchen wurden entzündungshemmende und antimikrobielle Effekte von Extrakten und ätherischem Öl beschrieben; Studien am Menschen fehlen.
Wirkung auf die Verdauung
Am besten begründet ist die Anwendung bei Verdauungsbeschwerden. Bitterstoffe regen über die Geschmacksrezeptoren reflektorisch die Bildung von Speichel und Magensaft an; das ätherische Öl wirkt nach traditioneller Auffassung leicht krampflösend und blähungstreibend. Die deutsche Kommission E hat Angelikawurzel deshalb bei Appetitlosigkeit und dyspeptischen Beschwerden wie leichten Magen-Darm-Krämpfen, Völlegefühl und Blähungen positiv bewertet. Auch in pflanzlichen Kombinationsarzneimitteln gegen funktionelle Magen-Darm-Beschwerden ist Angelikawurzel ein Bestandteil. Wie bei anderen Bittermitteln, etwa Enzian oder Wermut, wird sie üblicherweise vor den Mahlzeiten eingenommen.
Angelikawurzel für Frauen
Häufig wird nach einer besonderen Wirkung „für Frauen“ gefragt. Die Europäische Engelwurz wurde volksmedizinisch bei krampfartigen Regelbeschwerden verwendet, belegt ist das nicht. Der Ruf als „Frauenwurzel“ stammt überwiegend von der Chinesischen Engelwurz (Angelica sinensis). Für diese Art hat der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der EMA nach Prüfung der Daten keine Monographie erstellt. Bei anhaltenden oder starken Regelschmerzen ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll.
Wirkung auf Psyche und Nerven
Die Engelwurz galt in der Klostermedizin und Volksheilkunde als stärkendes Mittel bei Erschöpfung und nervöser Unruhe. In einer Tierstudie zeigte das ätherische Wurzelöl krampfhemmende Eigenschaften. Aussagen über eine beruhigende oder stimmungsaufhellende Wirkung beim Menschen lassen sich daraus nicht ableiten. Bei innerer Unruhe sind besser untersuchte Heilpflanzen wie Baldrian die naheliegendere Wahl.
Anwendung und Dosierung
- Tee: Etwa einen Teelöffel zerkleinerte Angelikawurzel mit kochendem Wasser übergießen, rund zehn Minuten ziehen lassen und abseihen. Traditionell zwei- bis dreimal täglich etwa eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten trinken. Die Kommission E nennt als Tagesdosis rund 4,5 Gramm Droge.
- Tinktur und Fluidextrakt: nach Packungsbeilage, ebenfalls vor den Mahlzeiten.
- Teemischungen: Traditionell wird Angelikawurzel mit anderen verdauungsfördernden Pflanzen wie Kümmel, Fenchel, Anis oder Pfefferminze kombiniert.
- Ätherisches Angelikawurzelöl: nur stark verdünnt und nicht vor Sonnenbestrahlung auf die Haut auftragen, da es phototoxisch wirken kann; nicht unverdünnt einnehmen.
- Dauer: Bei Beschwerden, die länger als zwei Wochen anhalten oder wiederkehren, ärztlichen Rat einholen.
Darüber hinaus ist Angelikawurzel ein klassischer Aromageber für Kräuterliköre, Magenbitter und Gin; die jungen Stängel werden kandiert als Backzutat verwendet.
Geschichte und Überlieferungen
Der Name archangelica geht auf eine Legende zurück, nach der ein Erzengel die Pflanze als Heilmittel gegen die Pest offenbart haben soll; daher auch der deutsche Name Engelwurz. In Skandinavien war die Pflanze schon früh als Nahrungs- und Heilpflanze geschätzt und gelangte vermutlich von dort im Mittelalter in die Kloster- und Bauerngärten Mitteleuropas.
Zur Zeit der großen Pestepidemien galt Engelwurz als Schutzmittel: Die Wurzel wurde gekaut, geräuchert oder in Essig angesetzt. Im Volksglauben sollte sie außerdem vor bösen Geistern und Zauber schützen und wurde in Räucherungen und Bräuchen verwendet. In den Kräuterbüchern der frühen Neuzeit erscheint sie als vielseitiges Magen-, Brust- und Stärkungsmittel. Bis heute ist sie in der Phytotherapie vor allem als aromatisches Bittermittel für die Verdauung gebräuchlich, und sie gehört zu den traditionellen Zutaten vieler Kräuterliköre.
Gegenanzeigen und Wechselwirkungen
- Lichtempfindlichkeit: Die enthaltenen Furanocumarine können die Haut gegenüber UV-Licht empfindlicher machen und zu entzündlichen, sonnenbrandähnlichen Hautreaktionen führen. Während der Anwendung intensive Sonnenbestrahlung und Solarium meiden. Die EMA hat sich 2007 in einem eigenen Bewertungspapier mit den Risiken der Furanocumarine in Angelika-Zubereitungen befasst. Wer zu Sonnenallergie neigt, sollte besonders vorsichtig sein.
- Schwangerschaft und Stillzeit: nicht anwenden. Angelikawurzel galt traditionell als menstruationsfördernd, und ausreichende Sicherheitsdaten fehlen.
- Kinder: Für Kinder liegen keine ausreichenden Daten vor; eine Anwendung nur nach ärztlichem Rat.
- Magen-Darm: Bei Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren sowie bei Gastritis und Sodbrennen sind Bittermittel ungeeignet, da sie die Magensaftbildung anregen.
- Allergien: Bei Überempfindlichkeit gegen Doldenblütler wie Sellerie, Fenchel oder Anis ist mit Kreuzreaktionen zu rechnen.
- Wechselwirkungen: Systematische Untersuchungen liegen nicht vor. Zusammen mit Arzneimitteln, die ebenfalls die Lichtempfindlichkeit erhöhen, kann sich dieser Effekt verstärken. Wer Blutgerinnungshemmer oder andere Dauermedikamente einnimmt, sollte die Anwendung vorher ärztlich abstimmen.
Regulatorische Einordnung in der EU
Die Angelikawurzel ist im Europäischen Arzneibuch beschrieben, das ihre Qualität festlegt. Eine Monographie des Ausschusses für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der EMA gibt es für die Europäische Engelwurz nicht; die fachliche Bewertung der Anwendung bei Verdauungsbeschwerden stützt sich vor allem auf die Monographie der deutschen Kommission E und auf die europäische Phytotherapie-Fachgesellschaft ESCOP. Seitens der EMA liegt das genannte Bewertungspapier zu den Furanocumarinen vor.
Häufige Fragen und Antworten
-
Wie bereite ich Angelikawurzeltee zu?
Etwa einen Teelöffel zerkleinerte Angelikawurzel mit kochendem Wasser übergießen, rund zehn Minuten ziehen lassen und abseihen. Traditionell trinkt man zwei- bis dreimal täglich eine Tasse etwa eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten. -
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Die enthaltenen Furanocumarine können die Haut lichtempfindlich machen; während der Anwendung sollten intensive Sonne und Solarium gemieden werden. Außerdem sind allergische Reaktionen, besonders bei Doldenblütler-Allergie, sowie gelegentliche Magen-Darm-Beschwerden möglich. -
Kann ich Angelikawurzel während der Schwangerschaft verwenden?
Die Anwendung von Angelikawurzel während der Schwangerschaft wird nicht empfohlen, da sie Uteruskontraktionen auslösen könnte. -
Mit welchen Kräutern kann Angelikawurzel kombiniert werden?
Traditionell wird Angelikawurzel in Teemischungen mit anderen verdauungsfördernden Pflanzen wie Kümmel, Fenchel, Anis oder Pfefferminze kombiniert. -
Wie wirkt Angelikawurzel auf die Verdauung?
Bitterstoffe und ätherisches Öl der Angelikawurzel regen die Bildung von Magensaft an und wirken leicht krampflösend. Traditionell wird sie bei Völlegefühl, Blähungen und Appetitlosigkeit vor dem Essen als Tee oder Tinktur verwendet. Da sie die Haut lichtempfindlich machen kann, sollte während der Anwendung starke Sonne gemieden werden. -
Welche Wirkung hat Angelikawurzel für Frauen?
Die Angelikawurzel wird in der Volksheilkunde traditionell bei krampfartigen Menstruationsbeschwerden eingesetzt, belegt ist vor allem ihre Wirkung bei Verdauungsbeschwerden. Die in der chinesischen Medizin als Frauenwurzel bekannte Dong Quai ist eine verwandte, aber eigene Art (Angelica sinensis). In der Schwangerschaft ist Angelikawurzel nicht geeignet. -
Ist Engelwurz dasselbe wie Angelikawurzel?
Ja. Engelwurz ist der deutsche Name der Echten Angelika (Angelica archangelica). Der Name geht auf eine Legende zurück, nach der ein Erzengel die Pflanze als Heilmittel gegen die Pest offenbart haben soll.
Quellen und weiterführende Informationen
- Suenaga-Hiromori M et al. (2022): Comprehensive identification of terpene synthase genes and organ-dependent accumulation of terpenoid volatiles in a traditional medicinal plant Angelica archangelica L. Plant Biotechnol (Tokyo) 39(4):391-404. → PubMed PMID 37283614
- Wikipedia: Engelwurz (Angelica archangelica)
- Wikipedia (EN): Angelica (EN)
- EMA/HMPC: Risks associated with furocoumarins in Angelica archangelica L. preparations
- PubMed: Chemical Composition and Antibacterial Activity of Angelica archangelica Root Essential Oil (2018)
- PMC: Evaluation of Antiseizure Activity of Essential Oil from Roots of Angelica archangelica (Review/Study)
- PMC: Essential Oils and CO2 Extracts of Arctic Angelica (Angelica archangelica) - Composition and Antimicrobial Activity (2021)
- ESCOP Monographs (2021): Angelicae radix – Angelica Root
Die oben genannten Informationen sind allgemein gehalten und ersetzen nicht die Beratung durch medizinisches Fachpersonal.

Über den Autor
Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax
Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.
Die bereitgestellten Informationen dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.
Verwandte Themen
- Appetitlosigkeit: Ursachen, Symptome und natürliche Unterstützung
- Beifuß: Natürliche Unterstützung für Ihre Gesundheit
- Lemongras - Ein vielseitiges Heilkraut für Gesundheit und Küche
- Liebstöckel - Das vielseitige Heilkraut für Küche und Gesundheit
- Galgantwurzel: Natürliches Heilmittel für Verdauung und Gesundheit
- Schwedenkräuter innerlich: Natürliche Unterstützung für Gesundheit und Wohlbefinden
- Meisterwurz
🌿 5 % Willkommensrabatt
Kräuterwissen, zweimal im Monat
Gesundheitstipps aus der Pflanzenwelt und unsere aktuellen Aktionen – bequem per E-Mail. Zur Begrüßung schenken wir Ihnen 5 % Rabatt.
Fast geschafft!
Wir haben Ihnen eben eine E-Mail geschickt. Bitte bestätigen Sie Ihre Anmeldung über den Link darin – danach erhalten Sie Ihren 5 % Willkommensrabatt.
