Holunderblüten: Wirkung, Inhaltsstoffe & Anwendung

Botanik und Beschreibung
Der Schwarze Holunder (Sambucus nigra), in Österreich meist „Holler“ genannt, ist ein bis zu sieben Meter hoher Strauch oder kleiner Baum aus der Familie der Moschuskrautgewächse (Adoxaceae). Er ist in ganz Europa verbreitet und wächst an Waldrändern, in Hecken, auf Lichtungen und gern in der Nähe von Bauernhöfen, da er stickstoffreiche Böden liebt. Die Zweige enthalten ein weiches, weißes Mark; die Blätter sind unpaarig gefiedert mit meist fünf gesägten Fiederblättchen.
Von Mai bis Juni erscheinen die großen, flachen Schirmrispen mit zahlreichen kleinen, cremeweißen Einzelblüten. Sie duften süßlich-würzig und unverwechselbar. Aus ihnen reifen ab August die schwarzvioletten Holunderbeeren. Arzneilich verwendet werden die Holunderblüten (Sambuci flos): die getrockneten Blütenstände, die bei trockenem Wetter vollständig aufgeblüht geerntet und rasch und schonend getrocknet werden, damit sie nicht braun werden.
Verwechslungsgefahr beim Sammeln: Der Zwergholunder oder Attich (Sambucus ebulus) ist giftig. Er wächst krautig, wird nur etwa 1 bis 2 Meter hoch, stirbt im Winter oberirdisch ab und hat Blüten mit rötlich-violetten Staubbeuteln sowie einen unangenehmen Geruch. Der Rote Holunder (Sambucus racemosa) blüht früher und mit gelblich-grünen, kegelförmigen Rispen. Sammeln Sie nur, was Sie sicher erkennen, und nicht an stark befahrenen Straßen.
Inhaltsstoffe
- Flavonoide: vor allem Rutin, Isoquercitrin und Quercetin sowie Kaempferol-Verbindungen – die mengenmäßig wichtigste Wirkstoffgruppe.
- Phenolcarbonsäuren wie Chlorogensäure.
- Ätherisches Öl in geringer Menge, das den typischen Blütenduft prägt.
- Triterpene und Sterole, Schleimstoffe und Gerbstoffe.
- Mineralstoffe, insbesondere Kaliumsalze.
Vitamin C ist vor allem in den Beeren nennenswert enthalten; in den getrockneten Blüten spielt es für die Wirkung keine Rolle. Rohe Beeren, Blätter, Rinde und unreife Früchte enthalten das blausäurebildende Glykosid Sambunigrin und können Übelkeit und Erbrechen auslösen – Holunderbeeren daher nur erhitzt verzehren.
Heilwirkung
Anwendungsbereiche und gesundheitliche Vorteile:
- Erkältung: EMA-anerkannt als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung der ersten Anzeichen einer Erkältung.
- Schweißtreibend bei Fieber: Heiß getrunkener Holunderblütentee gilt traditionell als schweißtreibend und wird bei fieberhaften Infekten und leichtem Fieber eingesetzt.
- Grippale Beschwerden: Volksheilkundlich begleitend bei Glieder- und Kopfschmerzen im Rahmen von Erkältung und Grippe; eine echte Influenza gehört ärztlich behandelt.
- Atemwege: Traditionell bei verschleimten Atemwegen, beginnender Bronchitis und verstopften Nebenhöhlen, etwa als Dampfbad; Studienbelege fehlen.
- Abwehrkräfte: Eine Stärkung des Immunsystems durch die Blüten ist nicht nachgewiesen; die vorliegenden Studien betreffen Extrakte aus Holunderbeeren.
- Entzündungen: Im Labor zeigen die Flavonoide entzündungshemmende und antioxidative Eigenschaften; ein Nutzen bei Arthritis ist nicht belegt.
- Haut: Äußerlich traditionell als Umschlag oder Gesichtsdampfbad bei gereizter Haut, leichten Ausschlägen und Ekzemen.
Einordnung: Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur hat für Holunderblüten eine Monographie zur traditionellen Anwendung erstellt (Revision 2018): zur Linderung der ersten Erkältungssymptome bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 12 Jahren. Die Anerkennung beruht auf langjähriger Erfahrung; klinische Studien mit Holunderblüten fehlen, wie das HMPC ausdrücklich festhält.
Wirkung auf Psyche und Schlaf
Häufig wird gefragt, ob Holunderblütentee beruhigt, die Psyche stärkt oder beim Einschlafen hilft. Eine beruhigende oder schlaffördernde Wirkung der Blüten ist wissenschaftlich nicht belegt und gehört nicht zu den anerkannten Anwendungsgebieten. Dass Holunderblütentee traditionell am Abend getrunken wird, hat einen anderen Grund: Bei einer beginnenden Erkältung soll man nach dem heißen Tee warm zugedeckt ins Bett gehen und schwitzen. Ein warmes Getränk am Abend kann dennoch ein wohltuendes Ritual zur Entspannung sein. Bei Schlafstörungen oder nervöser Unruhe sind andere Heilpflanzen besser untersucht.
Holunderblüten oder Holunderbeeren?
Die Studien, die einen Nutzen von Holunder bei Erkältung und Grippe nahelegen – darunter eine Metaanalyse von Hawkins und Kollegen aus dem Jahr 2019 –, wurden mit Extrakten aus den Beeren durchgeführt. Sie lassen sich nicht ohne Weiteres auf Holunderblütentee übertragen. Die Blüten wirken vor allem als schweißtreibender Erkältungstee.
Anwendung und Dosierung
- Holunderblütentee: 1 bis 2 Teelöffel getrocknete Holunderblüten mit einer Tasse kochendem Wasser übergießen, zugedeckt 5 bis 10 Minuten ziehen lassen und abseihen. Bei beginnender Erkältung mehrmals täglich möglichst heiß trinken. Bei Arzneitees gilt die Dosierung der Packungsbeilage.
- Schwitzkur: Den Tee abends heiß trinken und sich anschließend warm zudecken. Wichtig: ausreichend trinken, da durch das Schwitzen Flüssigkeit verloren geht.
- Kombinationen: Klassisch ist die Mischung mit Lindenblüten, ebenfalls ein traditioneller „Schwitztee“; auch Mädesüß und Kamille finden sich in Erkältungsmischungen.
- Dampfbad: Einen Aufguss aus Holunderblüten in eine Schüssel geben und die Dämpfe einatmen – bei verstopfter Nase oder als Gesichtsdampfbad.
- Äußerlich: Abgekühlter Tee als Kompresse oder Gesichtswasser bei gereizter Haut.
- Dauer: Bestehen die Beschwerden länger als eine Woche, sollten Sie ärztlichen Rat einholen.
Geschichte und Überlieferungen
Kaum ein Strauch ist im Volksglauben so verankert wie der Holunder. Er galt als Schutzbaum für Haus und Hof, wurde deshalb gern neben Stall und Haus gepflanzt und durfte nicht leichtfertig gefällt werden. Überliefert ist der Spruch, man solle vor dem Holler den Hut ziehen. Volkstümlich wird der Name mit „Frau Holle“ in Verbindung gebracht, einer Gestalt der Sagenwelt, die im Strauch wohnen sollte; sprachwissenschaftlich ist diese Herleitung allerdings umstritten.
Als Heilpflanze wurde der Holunder schon in der Antike beschrieben, und in der Volksmedizin galt er als „Hausapotheke“: Blüten gegen Erkältung und Fieber, Beeren als Mus und Saft für den Winter, Rinde und Blätter früher als Abführ- und Brechmittel – eine Anwendung, die heute wegen der Giftigkeit nicht mehr empfohlen wird. In der österreichischen Küche sind Holunderblütensirup, „Hollerkoch“ aus den Beeren und in Teig herausgebackene „Hollerkücherl“ bis heute beliebt.
Verwendung in der Drogerie
In der Drogerie finden Sie Holunderblüten als Einzeltee und in Erkältungsteemischungen. Extrakte aus Holunderblüten werden außerdem in Gesichtswässern, Cremes und Pflegeprodukten für empfindliche Haut verwendet, häufig wegen ihres milden Duftes.
Gegenanzeigen und Wechselwirkungen
- Verträglichkeit: Holunderblütentee gilt bei bestimmungsgemäßem Gebrauch als gut verträglich; Nebenwirkungen sind selten.
- Allergie: Bei bekannter Überempfindlichkeit gegen Holunder nicht anwenden.
- Kinder: Die EMA-Monographie gilt für Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren. Bei jüngeren Kindern mit Fieber vorher ärztlich oder in der Apotheke beraten lassen.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Mangels ausreichender Daten nicht empfohlen bzw. nur nach ärztlicher Rücksprache.
- Herz- und Nierenschwäche: Eine Schwitzkur belastet den Kreislauf. Bei Herzschwäche, Nierenerkrankungen oder geschwächtem Allgemeinzustand vorher ärztlich abklären.
- Wechselwirkungen mit Arzneimitteln sind nicht bekannt.
- Rohe Pflanzenteile: Blätter, Rinde, unreife und rohe Beeren nicht verzehren.
Bei hohem Fieber über 39 °C, Fieber länger als drei Tage, Atemnot, starken Kopf- oder Halsschmerzen, Nackensteifigkeit oder deutlicher Verschlechterung gehört die Abklärung in ärztliche Hände – bei Säuglingen und Kleinkindern schon früher.
Häufige Fragen und Antworten
-
1. Wie bereite ich Holunderblütentee zu?
1 bis 2 Teelöffel getrocknete Holunderblüten mit einer Tasse kochendem Wasser übergießen, zugedeckt 5 bis 10 Minuten ziehen lassen und abseihen. Bei beginnender Erkältung mehrmals täglich möglichst heiß trinken. Bei Arzneitees gilt die Packungsbeilage. -
2. Kann ich Holunderblüten für die Hautpflege verwenden?
Ja. Traditionell wird abgekühlter Holunderblütentee als Kompresse, Gesichtswasser oder Gesichtsdampfbad bei gereizter Haut verwendet, und Holunderblütenextrakte finden sich in Pflegeprodukten. Eine heilende Wirkung bei Hauterkrankungen ist nicht belegt. -
3. Welche Nährstoffe sind in Holunderblüten enthalten?
Holunderblüten enthalten vor allem Flavonoide wie Rutin und Isoquercitrin, Phenolsäuren wie Chlorogensäure, wenig ätherisches Öl, Schleim- und Gerbstoffe sowie Kaliumsalze. Vitamin C ist vor allem in den Beeren nennenswert enthalten. -
4. Gibt es Kontraindikationen bei der Einnahme von Holunderblüten?
Bei Überempfindlichkeit gegen Holunder nicht anwenden. In Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Kindern unter 12 Jahren nur nach ärztlicher Rücksprache. Bei Herz- oder Nierenschwäche keine Schwitzkur ohne ärztlichen Rat. Wechselwirkungen mit Medikamenten sind nicht bekannt. -
Welche Wirkung hat Holunder auf die Psyche?
Eine Wirkung von Holunder auf die Psyche ist nicht belegt. Holunderblütentee wird traditionell vor allem bei fieberhaften Erkältungen getrunken, weil er schweißtreibend wirkt. Als warmes Abendgetränk kann er dennoch zu einem wohltuenden, entspannenden Ritual beitragen. -
Hilft Holunderblütentee beim Schlafen?
Eine schlaffördernde oder beruhigende Wirkung von Holunderblüten ist wissenschaftlich nicht belegt. Eine Tasse warmer Tee am Abend kann aber als ruhiges Ritual zur Entspannung beitragen. -
Welche Wirkung hat Holunderblütentee?
Holunderblütentee wirkt schweißtreibend und wird traditionell bei fieberhaften Erkältungen heiß getrunken, am besten vor dem Zubettgehen. Er enthält Flavonoide und ätherisches Öl. Bei hohem oder anhaltendem Fieber sollte ein Arzt aufgesucht werden.
Quellen und weiterführende Informationen
- Hawkins J et al. (2019): Black elderberry (Sambucus nigra) supplementation effectively treats upper respiratory symptoms: A meta-analysis of randomized, controlled clinical trials. Complement Ther Med 42:361-365. → PubMed PMID 30670267
- Wikipedia: Schwarzer Holunder (Holunderblueten)
- Wikipedia (EN): Sambucus nigra (EN)
- EMA: Sambuci flos (elder flower) – herbal medicinal product overview
- EMA: European Union herbal monograph on Sambucus nigra L., flos (Revision 1)
- PMC: Elderflowers (Sambuci flos L.) – A Potential Source of Health-Promoting Components (2024)
Die oben genannten Informationen sind allgemein gehalten und ersetzen nicht die Beratung durch medizinisches Fachpersonal.

Über den Autor
Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax
Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.
Die bereitgestellten Informationen dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.
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