Sauerkirsche (Montmorency) – Wirkung, Inhaltsstoffe & Anwendung
Botanik und Beschreibung
Die Sauerkirsche (Prunus cerasus L.) – in Altbayern, Österreich und der Schweiz auch Weichsel oder Weichselkirsche genannt – ist eine Pflanzenart aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae) und wird als Obstbaum genutzt. Die international bekannteste Sorte ist Montmorency, die in Nordamerika die dominierende Sauerkirschsorte ist und deren Saftkonzentrat auch im europäischen Handel angeboten wird.
Wuchs und Merkmale
Die Sauerkirsche kann als Strauch oder Baum wachsen und erreicht Wuchshöhen von 1 bis 10 Metern. Sie wurzelt sehr flach und weist als Baum eine lockere, rundliche Krone mit abstehenden, oft überhängenden Ästen auf. Die Rinde ist rötlichbraun, glänzend und mit großen Lentizellen besetzt; später entwickelt sich eine Ringelborke. Die Laubblätter sind 5 bis 12 cm lang und 4 bis 6 cm breit, elliptisch-eiförmig und meist zugespitzt, ihre Oberfläche glänzend und etwas lederig.
Die Blüten stehen zu zweien bis vieren in sitzenden Dolden, haben einen Durchmesser von 2 bis 2,5 cm und weiße, fast kreisrunde Kronblätter. Die vergleichsweise späte Blütezeit im April und Mai bewirkt eine geringe Spätfrostgefährdung und damit eine hohe Ertragssicherheit – ein praktischer Vorteil gegenüber der Süßkirsche. Die Steinfrucht hat einen Durchmesser von 15 bis 20 mm, ist mehr oder weniger kugelig, kahl und hell- bis schwarzrot. Der Weichselkern ist bis zu 10 mm lang.
Botanisch bemerkenswert ist die Herkunft der Art: Die Sauerkirsche ist durch ihren hybridogenen Ursprung allopolyploid mit 2n = 4x = 32 Chromosomen. Sie entstand wahrscheinlich innerhalb der letzten 1,6 Millionen Jahre in der Hybridzone der Elternarten Prunus avium (Süßkirsche) und Prunus fruticosa (Zwergkirsche). Anders als die meisten Süßkirschsorten sind Sauerkirschen in der Regel selbstfruchtbar, weshalb sie weniger auf Bestäuberinsekten angewiesen sind.
Sauerkirsche und Süßkirsche – die Abgrenzung
Sauer- und Süßkirsche sind zwei verschiedene Arten, keine zwei Reifegrade derselben Frucht. Das Fruchtfleisch der Sauerkirsche schmeckt säuerlich; der Säuregehalt besteht hauptsächlich aus Apfelsäure und einem kleineren Anteil Weinsäure. Als wichtigste Aromakomponenten gelten Benzaldehyd, Benzylalkohol, Eugenol und Vanillin.
Ein Nährwertvergleich nach der US-Datenbank FoodData Central macht den Unterschied greifbar (Angaben je 100 g roher Frucht):
- Sauerkirsche (rot, roh): 50 kcal, 8,49 g Zucker, 1,6 g Ballaststoffe, 173 mg Kalium, 10 mg Vitamin C, 64 µg Vitamin-A-Äquivalent (RAE), 16 mg Calcium
- Süßkirsche (roh): 63 kcal, 12,8 g Zucker, 2,1 g Ballaststoffe, 222 mg Kalium, 7 mg Vitamin C, 3 µg Vitamin-A-Äquivalent (RAE), 13 mg Calcium
Innerhalb der Sauerkirschen unterscheidet man zwei Gruppen: die hellfrüchtigen Amarellen (auch Glas- oder Wasserkirsche) mit hellrotem, glasigem Fruchtfleisch und ungefärbtem Saft sowie die dunkelfrüchtigen Morellen beziehungsweise Süßweichseln mit gefärbtem Saft. Diese Unterscheidung ist für die Inhaltsstoffe nicht nebensächlich, wie der Abschnitt zu den Anthocyanen zeigt.
Die Sorte Montmorency
Die Montmorency-Kirsche – im englischen Sprachraum auch „Common red Kentish" genannt – ist die beliebteste Sauerkirschsorte in den USA und Kanada. Sie gehört zur helleren Amarellen-Gruppe, nicht zu den dunkleren Morellen. Die großen Früchte reifen spät und haben eine sehr dünne, leuchtend rote Schale; das Fruchtfleisch ist zart, der Saft farblos und leicht säuerlich. Benannt ist die Sorte nach Montmorency, einem Vorort von Paris.
Zwar sind die Früchte auch für den Frischverzehr und für Eingemachtes empfohlen, die Hauptnutzung liegt jedoch in der Verarbeitung: Kirschkuchen, Konfitüren und Eingemachtes, dazu Trockenfrüchte, Saft, Saftkonzentrat und Kirschbrand. Genau das Saftkonzentrat ist die Handelsform, in der Montmorency-Kirschen heute meist als Nahrungsergänzung angeboten werden. Michigan produziert rund 90.000 Tonnen pro Jahr, vorwiegend in der Region der Grand Traverse Bay. Das vollständige Genom der Sorte wurde 2023 veröffentlicht.
Inhaltsstoffe
Anthocyane und Polyphenole
Die Sauerkirsche ist eine gute Quelle von Polyphenolen – genannt werden insbesondere Rutin und Chlorogensäure sowie Flavonoide wie Anthocyane, Flavan-3-ole und Flavonole, dazu Hydroxyzimtsäuren und Hydroxybenzoesäuren. Diese Verbindungen tragen zu Bitterkeit, Adstringenz, Farbe, Geschmack und Geruch bei.
Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung ungarischer Sauerkirschsorten bestimmte Cyanidin und Pelargonidin als die wichtigsten natürlich vorkommenden Anthocyanidin-Komponenten, Delphinidin nur in geringeren Mengen; im Anthocyanprofil dominierten Cyanidin-Glykoside. Die Gesamtpolyphenolgehalte lagen je nach Sorte und Reifestadium zwischen etwa 154 und 1007 mg Gallusäure-Äquivalenten je 100 g – eine bemerkenswert große Spanne.
Ein Befund derselben Arbeit ist für die Einordnung von Montmorency wichtig und wird in der Werbung selten erwähnt: Die Sorten vom Morellen-Typ wiesen deutlich höhere Anthocyan-Anreicherungen auf als die untersuchte Amarellen-Sorte. Da Montmorency zur Amarellen-Gruppe gehört und hellen, ungefärbten Saft liefert, ist sie – anders als der Ruf als „dunkle Beere" nahelegt – nicht die anthocyanreichste Sauerkirsche. Anthocyanreichere Lexikoneinträge finden Sie bei der Heidelbeere und der Preiselbeere; verwandte Stoffgruppen behandelt unsere Seite zu OPC.
Natürlicher Melatonin-Gehalt
Sauerkirschen gehören zu den Lebensmitteln, in denen nachweisbare Mengen des körpereigenen Hormons Melatonin gefunden wurden. Die grundlegende Messung stammt aus einer 2001 im Journal of Agricultural and Food Chemistry veröffentlichten Arbeit, die Melatonin in frisch gefrorenen Balaton- und Montmorency-Sauerkirschen mittels Hochleistungsflüssigkeitschromatographie quantifizierte. Die Ergebnisse:
- Montmorency: 13,46 ± 1,10 ng je Gramm
- Balaton: 2,06 ± 0,17 ng je Gramm
Montmorency enthielt damit rund sechsmal so viel Melatonin wie Balaton. Weder der Herkunftsgarten noch der Erntezeitpunkt beeinflussten den Gehalt in den frischen Früchten nennenswert.
Diese Zahlen sind eine Angabe zur Zusammensetzung, keine Aussage über eine Wirkung. Wie klein die Menge in der Praxis ist, zeigt eine einfache Umrechnung: 100 g Montmorency-Kirschen enthalten rund 1,3 Mikrogramm Melatonin – das sind 0,0013 Milligramm. Was das regulatorisch bedeutet, steht im Abschnitt „Regulatorische Einordnung in der EU".
Kalium und weitere Nährstoffe
Nach FoodData Central liefern 100 g rohe Sauerkirschen 173 mg Kalium, 16 mg Calcium, 10 mg Vitamin C, 1,6 g Ballaststoffe und 64 µg Vitamin-A-Äquivalent, das aus Carotinoiden stammt. Der Carotinoidgehalt ist der auffälligste Unterschied zur Süßkirsche, die nur auf 3 µg kommt. Auch hier gilt: Diese Werte beschreiben eine Zusammensetzung; ob sie für eine nährwertbezogene Angabe ausreichen, ist eine eigene Frage – siehe unten.
Zuckergehalt – ehrlich betrachtet
Der Name täuscht: „Sauer" beschreibt den Geschmackseindruck, nicht den Zuckergehalt. Rohe Sauerkirschen enthalten 8,49 g Zucker je 100 g – weniger als Süßkirschen mit 12,8 g, aber keineswegs wenig. Der hohe Apfelsäuregehalt überdeckt die Süße geschmacklich.
Besondere Aufmerksamkeit verdient das Saftkonzentrat, die übliche Handelsform bei Nahrungsergänzungen. Beim Konzentrieren wird dem Saft Wasser entzogen – alle wasserlöslichen Bestandteile reichern sich dabei an, der Zucker ebenso wie die Polyphenole. Ein Konzentrat ist deshalb ein zuckerreiches Lebensmittel, und die Nährwerttabelle des jeweiligen Produkts ist der einzig verlässliche Maßstab. Wer auf die Zuckerzufuhr achten muss, sollte diesen Punkt nicht übersehen.
Volksmedizinische Anwendungsgebiete
Küche, Verarbeitung und Handelsformen
Die Sauerkirsche ist in erster Linie eine Kultur- und Verarbeitungsfrucht. Traditionell wird sie zu Kuchen, Kompott, Konfitüre, Sirup, Likör und Brand verarbeitet; in Mitteleuropa gehört sie zum festen Bestand der Obstgärten. Als Nahrungsergänzung begegnet sie heute vor allem als Saftkonzentrat, seltener als Pulver oder Kapsel. Eine überlieferte arzneiliche Anwendung im Sinne der europäischen Phytotherapie ist für die Sauerkirsche nicht dokumentiert – sie war und ist ein Nahrungsmittel.
Was beworben wird – und was wir dazu sagen können
Montmorency-Saftkonzentrat wird international in verschiedenen gesundheitlichen Zusammenhängen beworben. Wir übernehmen keine dieser Auslobungen – aus einem einfachen Grund: Keine davon ist in der Europäischen Union als gesundheitsbezogene Angabe zugelassen (siehe nächster Abschnitt).
Auch die Studienlage rechtfertigt keine Versprechen. Eine 2024 in Nutrients veröffentlichte randomisierte Cross-over-Studie untersuchte 34 Personen im Alter von 18 bis 50 Jahren mit Übergewicht oder Adipositas. Sie erhielten über 14 Tage 500 mg Montmorency-Sauerkirschpulver eine Stunde vor dem Zubettgehen, gefolgt von einer zehntägigen Auswaschphase. Das Ergebnis war eindeutig negativ: „no significant effects of MTC supplementation were observed for any of the measures of interest (p > 0.05 for all)" – weder bei den objektiven noch bei den subjektiven Zielgrößen, und ebenso wenig bei den untersuchten Entzündungsmarkern C-reaktives Protein, TNF-α, IL-6, IL-8, IL-10 und IL-17A. Die Autorinnen und Autoren erwogen, dass bei höherem BMI möglicherweise höhere Dosierungen nötig wären – ein Hinweis auf offene Fragen, nicht auf einen Nachweis.
Solche Ergebnisse gehören auf eine Lexikonseite genauso wie positive Befunde. Ein einzelner negativer Versuch widerlegt ein Thema nicht endgültig – aber er zeigt, dass die Sache offen ist, und offen heißt: nicht bewerbbar.
Regulatorische Einordnung in der EU
Dieser Abschnitt ist der wichtigste der Seite. Für die Sauerkirsche, für Prunus cerasus und für die Sorte Montmorency gibt es in der Europäischen Union keinen zugelassenen gesundheitsbezogenen Claim. Die Unionsliste – Anhang der Verordnung (EU) Nr. 432/2012 – enthält keinen Eintrag zu Kirsche, Prunus oder Sauerkirsche. Es gilt das Prinzip der Verordnung (EG) Nr. 1924/2006: ein Verbot mit Erlaubnisvorbehalt. Was nicht ausdrücklich zugelassen ist, darf nicht ausgelobt werden.
Interessant ist der Blick auf die Nährstoffe, die in der Sauerkirsche vorkommen – denn theoretisch könnte ein Produkt über sie einen Claim tragen. Die Rechnung geht in allen drei Fällen nicht auf:
- Melatonin: Die Unionsliste kennt zwei Angaben, wörtlich „Melatonin trägt dazu bei, die Einschlafzeit zu verkürzen" und „Melatonin trägt zur Linderung der subjektiven Jetlag-Empfindung bei". Die Bedingungen sind ebenfalls wörtlich festgelegt: Die erste Angabe darf nur für Lebensmittel verwendet werden, „die 1 mg Melatonin je angegebene Portion enthalten", die zweite nur für solche, „die mindestens 0,5 mg Melatonin je angegebene Portion enthalten". Mit rund 0,0013 mg Melatonin je 100 g Frucht müsste man rechnerisch etwa 74 Kilogramm frische Montmorency-Kirschen für 1 mg verzehren – und immer noch rund 37 Kilogramm für 0,5 mg. Über die Frucht ist dieser Claim also nicht erreichbar.
- Kalium: Zugelassen sind Angaben wie „Kalium trägt zu einer normalen Muskelfunktion bei". Bedingung ist, dass das Lebensmittel die Mindestanforderungen an eine Kaliumquelle erfüllt – also eine signifikante Menge enthält. Nach Anhang XIII der Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 sind das 15 % des Referenzwerts je 100 g; bei einem Referenzwert von 2000 mg entspricht das 300 mg je 100 g. Rohe Sauerkirschen liegen mit 173 mg deutlich darunter.
- Vitamin C: Die Schwelle für eine Vitamin-C-Quelle liegt bei 15 % des Referenzwerts von 80 mg, also 12 mg je 100 g. Rohe Sauerkirschen enthalten 10 mg – ebenfalls darunter.
Damit ist die Lage klar: Die Sauerkirsche ist ein wohlschmeckendes, carotinoid- und polyphenolhaltiges Obst mit einer interessanten Zusammensetzung. Sie ist kein Arzneimittel, sie trägt keinen zugelassenen Claim, und die EFSA hat entsprechende Angaben nicht zugelassen. Dass wir das ausdrücklich sagen, statt es zu verschweigen, halten wir für ein Qualitätsmerkmal.
Anwendung und Dosierung
Es gibt für die Sauerkirsche keine arzneiliche Dosierung. Eine Unionsmonographie des Ausschusses für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur zu Prunus cerasus existiert nicht; sie wird als Lebensmittel verzehrt.
- Frisch und tiefgekühlt: Sauerkirschen werden roh, tiefgefroren oder eingekocht verwendet. Da die Früchte bei vielen Sorten nicht trocken vom Stiel lösen, sollten sie in diesem Fall vom Baum abgeschnitten werden.
- Saft und Saftkonzentrat: Die übliche Handelsform bei Nahrungsergänzungen. Halten Sie sich an die Verzehrempfehlung des jeweiligen Herstellers und beachten Sie die Nährwerttabelle – insbesondere den Zuckergehalt.
- Pulver und Kapseln: ebenfalls erhältlich; auch hier gilt die Herstellerangabe.
- Kerne: Die Steine werden nicht mitgegessen. Bei Kindern besteht zudem Verschluckungsgefahr.
- Einordnung: Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung und eine gesunde Lebensweise. Sauerkirschen und ihre Erzeugnisse werden in der EU (vorwiegend in AT und DE) verarbeitet und reguliert.
Geschichte und Überlieferungen
Die Kultur der Sauerkirsche geht auf die Gegend um das Kaspische und das Schwarze Meer zurück. Im antiken Griechenland war sie bereits 300 vor unserer Zeitrechnung bekannt und wurde auch von den Persern genutzt. Die Römer führten sie lange vor dem 1. Jahrhundert unserer Zeit nach Britannien ein; in England wurde die Kultur im 16. Jahrhundert bekannter gemacht. 1640 waren in Kent über zwei Dutzend Kultursorten im Anbau, vor dem Zweiten Weltkrieg in England über 50. Heute beschränkt sich der kommerzielle Anbau allgemein auf sehr wenige Sorten; Baumschulen führen dort oft nur noch die Schattenmorelle.
Die Sorte Montmorency hat ihre eigene, gut dokumentierte Geschichte. Ein Buch von 1690 beschreibt sie und erwähnt bereits zwei Varianten – eine mit langen und eine mit kurzen Stielen, wobei die kurzstielige höher geschätzt wurde. Seit dem 18. Jahrhundert wird sie in der Umgebung des Waldes von Montmorency kultiviert; die Gemeinden Soisy-sous-Montmorency und Saint-Prix gehören zu den letzten Orten, an denen der Anbau fortbesteht. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erreichten Paris täglich 7.000 bis 8.000 Körbe Kirschen aus dem Tal von Montmorency; die Früchte dieser Herkunft waren beim Adel hoch angesehen. Übernutzung der Bäume führte jedoch zum allmählichen Niedergang der Sorte in Frankreich. Über England gelangte sie in die USA, wo sie spätestens seit dem frühen 20. Jahrhundert angebaut wird.
Wirtschaftlich ist die Sauerkirsche bis heute bedeutend: Weltweit wurden in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts jährlich 1,1 bis 1,3 Millionen Tonnen Früchte produziert; führend sind Russland und die Türkei. In Deutschland konzentriert sich der Anbau auf Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen; 2019 wurden dort insgesamt 15.439 Tonnen geerntet, davon 5.731 Tonnen in Rheinland-Pfalz, 3.880 Tonnen in Baden-Württemberg und 2.372 Tonnen in Sachsen. Systematische Züchtungsprogramme gab es zuerst in Russland, Deutschland, Ungarn und Rumänien. In der Imkerei ist die Sauerkirsche wegen des Zuckergehalts ihres Nektars von 9,7 bis 15 Prozent eine geschätzte Trachtpflanze.
Gegenanzeigen und Wechselwirkungen
- Kein Arzneimittel: Sauerkirschen und ihre Erzeugnisse sind Lebensmittel. Sie ersetzen bei keiner Erkrankung eine ärztliche Diagnose oder Behandlung und sind kein Grund, eine verordnete Therapie zu verändern oder abzusetzen. Wer wegen Beschwerden in ärztlicher Behandlung ist, bespricht die Einnahme von Konzentraten oder Kapseln dort.
- Zuckergehalt: Rohe Früchte enthalten 8,49 g Zucker je 100 g; Saftkonzentrate liegen durch den Wasserentzug entsprechend höher. Wer auf die Zuckerzufuhr achten muss – etwa bei Diabetes mellitus –, sollte die Nährwerttabelle des konkreten Produkts prüfen und die Zufuhr in die Tagesbilanz einrechnen.
- Fruchtsäuren: Der Gehalt an Apfel- und Weinsäure kann bei empfindlichem Magen Beschwerden auslösen. Säurehaltige Säfte können zudem den Zahnschmelz angreifen; das Nachspülen mit Wasser und ein zeitlicher Abstand zum Zähneputzen sind sinnvoll.
- Ballaststoffe und Verdauung: Größere Mengen Steinobst können bei empfindlichen Personen abführend wirken oder Blähungen auslösen.
- Überempfindlichkeit: Bei bekannter Unverträglichkeit oder Allergie gegenüber Steinobst der Rosengewächse ist von einem Verzehr abzusehen.
- Kerne nicht zerbeißen: Steinobstkerne enthalten cyanogene Glykoside. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat für bittere Aprikosenkerne festgehalten, dass aus dem Glykosid Amygdalin während der Verdauung Blausäure abgespalten wird, die zu schweren akuten Vergiftungen führen kann. Diese Bewertung bezieht sich ausdrücklich auf bittere Aprikosenkerne und ist nicht ohne Weiteres auf Kirschkerne übertragbar; die praktische Konsequenz ist gleichwohl eindeutig: Kirschkerne gehören nicht in den Mund und werden weder zerbissen noch verzehrt.
- Melatonin-Präparate: Die Melatonin-Menge in Sauerkirschen liegt um Größenordnungen unter den Dosierungen von Melatonin-Präparaten. Eine Wechselwirkung über diesen Weg ist aus dem Fruchtverzehr nicht abzuleiten – wer jedoch Melatonin-Präparate einnimmt, richtet sich nach der Packungsbeilage und nicht nach Fruchtsäften.
- Schwangerschaft, Stillzeit und Kinder: Der übliche Verzehr als Obst ist unproblematisch. Für hochkonzentrierte Ergänzungsprodukte fehlen belastbare Daten zu diesen Gruppen; hier ist Zurückhaltung angebracht und im Zweifel ärztlicher Rat einzuholen. Bei Kindern besteht durch die Steine Verschluckungsgefahr.
- Arzneimittel: Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte die zusätzliche Einnahme konzentrierter Fruchtextrakte ärztlich oder in der Apotheke abklären lassen.
Häufige Fragen und Antworten (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Sauerkirsche und Süßkirsche?
Es handelt sich um zwei verschiedene Arten: Die Sauerkirsche ist Prunus cerasus, die Süßkirsche Prunus avium. Die Sauerkirsche entstand hybridogen aus Prunus avium und Prunus fruticosa und ist allopolyploid mit 2n = 4x = 32 Chromosomen; sie ist meist selbstfruchtbar und blüht später, was die Spätfrostgefährdung verringert. Ihr säuerlicher Geschmack stammt vor allem von Apfelsäure. Je 100 g enthält sie rund 50 kcal und 8,49 g Zucker gegenüber 63 kcal und 12,8 g Zucker bei der Süßkirsche, dafür deutlich mehr Vitamin-A-Äquivalent aus Carotinoiden (64 gegenüber 3 µg).
Wie viel Melatonin steckt in Montmorency-Kirschen?
Eine 2001 im Journal of Agricultural and Food Chemistry veröffentlichte Messung ergab für frisch gefrorene Montmorency-Sauerkirschen 13,46 ± 1,10 Nanogramm Melatonin je Gramm; Balaton-Kirschen kamen auf 2,06 ± 0,17 Nanogramm je Gramm. Das entspricht bei Montmorency rund 0,0013 Milligramm je 100 g Frucht. Zum Vergleich: Der in der EU zugelassene Melatonin-Claim zur Einschlafzeit setzt 1 mg je angegebene Portion voraus – rechnerisch etwa 74 Kilogramm Kirschen. Der Melatonin-Gehalt ist damit eine Angabe zur Zusammensetzung, aus der sich keine Wirkung ableiten lässt.
Gibt es für die Sauerkirsche zugelassene Health Claims in der EU?
Nein. Weder für die Sauerkirsche noch für Prunus cerasus oder die Sorte Montmorency ist in der Unionsliste der zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben ein Eintrag vorhanden. Auch über die enthaltenen Nährstoffe lässt sich kein Claim tragen: Für Kalium wären 300 mg je 100 g erforderlich (vorhanden: 173 mg), für Vitamin C 12 mg je 100 g (vorhanden: 10 mg) und für Melatonin mindestens 0,5 mg je Portion (vorhanden: rund 0,0013 mg je 100 g). Die EFSA hat entsprechende Angaben nicht zugelassen.
Ist Sauerkirschsaft zuckerarm?
Nein. Der Name beschreibt den Geschmackseindruck, nicht den Zuckergehalt – die kräftige Apfelsäure überdeckt die Süße. Rohe Sauerkirschen enthalten 8,49 g Zucker je 100 g. Beim Saftkonzentrat, der üblichen Handelsform bei Nahrungsergänzungen, wird dem Saft Wasser entzogen, wodurch sich alle wasserlöslichen Bestandteile anreichern – der Zucker ebenso wie die Polyphenole. Maßgeblich ist die Nährwerttabelle des konkreten Produkts.
Quellen und weiterführende Informationen
- Detection and quantification of the antioxidant melatonin in Montmorency and Balaton tart cherries (Prunus cerasus). Journal of Agricultural and Food Chemistry 2001; 49(10). DOI: 10.1021/jf010321+. PubMed (PMID 11600041)
- Commonly Used Dose of Montmorency Tart Cherry Powder Does Not Improve Sleep or Inflammation Outcomes in Individuals with Overweight or Obesity. Nutrients 2024; 16(23):4125. DOI: 10.3390/nu16234125. Volltext (PMC)
- Changes in Biologically Active Compounds During the Ripening Period in Selected Hungarian-Bred Sour Cherry Varieties (Prunus cerasus L.). Plants (Basel) 2026; 15(5):713. DOI: 10.3390/plants15050713. Volltext (PMC)
- Verordnung (EU) Nr. 432/2012 der Kommission – Anhang (Unionsliste der zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben), Einträge „Melatonin" und „Kalium". Volltext auf EUR-Lex (deutsch)
- Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel, konsolidierte Fassung. Konsolidierte Fassung auf EUR-Lex (deutsch)
- Verordnung (EU) Nr. 1169/2011 betreffend die Information der Verbraucher über Lebensmittel, konsolidierte Fassung – Anhang XIII (Referenzmengen und signifikante Mengen). Konsolidierte Fassung auf EUR-Lex (deutsch)
- U.S. Department of Agriculture, FoodData Central: „Cherries, sour, red, raw" (SR Legacy, FDC-ID 173954) und „Cherries, sweet, raw" (FDC-ID 171719). FoodData Central
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Bittere Aprikosenkerne können zu Vergiftungen führen. Presseinformation vom 07.06.2007. Presseinformation
- Wikipedia: Sauerkirsche und Montmorency cherry (EN)

Über den Autor
Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax
Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.
Die bereitgestellten Informationen dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.
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