Flavonoide: Wirkung, Vorkommen & Anwendung

Flavonoide Bild Lexikon

Herkunft und Beschreibung

Flavonoide sind eine der größten und am besten erforschten Gruppen der sekundären Pflanzenstoffe. Bis heute wurden mehrere tausend verschiedene Flavonoide beschrieben. Pflanzen bilden sie nicht zum Wachstum, sondern zum Schutz und zur Kommunikation: Flavonoide färben Blüten und Früchte gelb, rot, blau oder violett und locken so Bestäuber an, sie filtern schädliche UV-Strahlung und helfen bei der Abwehr von Fraßfeinden, Pilzen und Bakterien. Der Name leitet sich vom lateinischen flavus („gelb“) ab.

Flavonoide sind eine Untergruppe der Polyphenole. Zu den Polyphenolen gehören daneben unter anderem Phenolsäuren wie die Rosmarinsäure, Stilbene wie Resveratrol, Lignane sowie Gerbstoffe. Jedes Flavonoid ist also ein Polyphenol, aber nicht jedes Polyphenol ein Flavonoid.

Viele Heilpflanzen verdanken ihre Wirkung zu einem wesentlichen Teil Flavonoiden – etwa Weißdorn, Ginkgo, Kamille, Holunderblüten oder Buchweizenkraut. Auch das Silymarin der Mariendistel ist mit den Flavonoiden eng verwandt.

Aufbau und wichtige Unterklassen

Chemisch beruhen alle Flavonoide auf einem gemeinsamen Grundgerüst aus 15 Kohlenstoffatomen: zwei Benzolringe, die über einen sauerstoffhaltigen Ring miteinander verbunden sind. Je nachdem, wie dieser mittlere Ring gebaut ist und welche Seitengruppen angehängt sind, unterscheidet man mehrere Unterklassen. In Pflanzen liegen Flavonoide meist an Zucker gebunden vor (als Glykoside), was ihre Löslichkeit und Aufnahme beeinflusst.

  • Flavonole: Quercetin (Zwiebeln, Äpfel, Kapern, Tee), Kaempferol (Grünkohl, Brokkoli), Myricetin; Rutin ist die an Zucker gebundene Form des Quercetins und reichlich in Buchweizen enthalten.
  • Flavone: Apigenin (Petersilie, Sellerie, Kamille), Luteolin (Sellerie, Paprika, Thymian), Chrysin.
  • Flavanone: Hesperidin und Naringenin aus Zitrusfrüchten – siehe Citrus-Bioflavonoide.
  • Flavan-3-ole (Catechine): Epigallocatechingallat (EGCG) aus Grünem Tee, Epicatechin aus Kakao; aus ihnen aufgebaut sind die OPC (oligomere Proanthocyanidine) aus Traubenkernen.
  • Anthocyane: rote, blaue und violette Farbstoffe in Heidelbeeren, Aronia, schwarzen Johannisbeeren und Rotkohl.
  • Isoflavone: Genistein und Daidzein, vor allem aus Soja und Rotklee; wegen ihrer östrogenähnlichen Struktur auch Phytoöstrogene genannt – siehe Isoflavone.

Heilwirkung

Anwendungsbereiche und gesundheitliche Vorteile:

  • Zellschutz: Im Reagenzglas sind Flavonoide starke Antioxidantien; im Körper ist dieser Effekt wegen der geringen Aufnahme deutlich schwächer (siehe Zellschutz und freie Radikale).
  • Herz und Gefäße: Eine flavonoidreiche Ernährung ist in Bevölkerungsstudien mit weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden; für Kakaoflavanole ist eine gesundheitsbezogene Angabe zur Gefäßelastizität zugelassen.
  • Venen: Gereinigte Zitrusflavonoide (Diosmin, Hesperidin) werden als Arzneimittel bei chronischer Venenschwäche und Hämorrhoiden eingesetzt.
  • Wechseljahre: Soja- und Rotklee-Isoflavone werden bei Hitzewallungen untersucht; die Ergebnisse sind uneinheitlich, die Wirkung ist allenfalls mäßig.
  • Augen: Heidelbeer-Anthocyane werden volksmedizinisch für die Sehkraft verwendet; eine Verbesserung des Nachtsehens ließ sich in Studien nicht bestätigen.
  • Heilpflanzen: In vielen anerkannten pflanzlichen Arzneimitteln, etwa aus Weißdorn oder Ginkgo, gehören Flavonoide zu den maßgeblichen Wirkstoffen.

Herz und Kreislauf

Die bekannteste Grundlage ist die niederländische Zutphen-Studie (Hertog und Kollegen, 1993): Ältere Männer mit hoher Flavonoidaufnahme – vor allem aus Tee, Zwiebeln und Äpfeln – starben seltener an koronarer Herzkrankheit. Solche Beobachtungsstudien können Ursache und Wirkung nicht sicher trennen, denn wer viel Obst und Gemüse isst, lebt oft auch sonst gesünder. In der großen US-amerikanischen COSMOS-Studie (Sesso und Kollegen, 2022) mit über 21.000 älteren Erwachsenen senkte ein Kakaoflavanol-Extrakt die Gesamtzahl der Herz-Kreislauf-Ereignisse nicht signifikant; Herz-Kreislauf-Todesfälle traten als Nebenergebnis etwas seltener auf. Gut belegt ist: Kakaoflavanole tragen zur Erhaltung der Elastizität der Blutgefäße bei, was einen normalen Blutfluss unterstützt.

Venen und Hämorrhoiden

Flavonoide wie Diosmin, Hesperidin, Rutin und dessen Abkömmlinge stabilisieren nach heutiger Auffassung die Wände kleiner Blutgefäße. Daher stammt der historische Name „Vitamin P“ (für Permeabilität). Entsprechende Arzneimittel werden bei Venenbeschwerden mit schweren, geschwollenen Beinen und bei Hämorrhoiden eingesetzt. Die Abklärung dieser Beschwerden gehört in ärztliche Hände.

Wechseljahre

Isoflavone binden schwach an Östrogenrezeptoren. Bei Wechseljahresbeschwerden zeigen manche Studien eine leichte Verringerung von Hitzewallungen, andere keinen Unterschied zu Placebo. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) fand 2015 in den untersuchten Dosierungen keine Hinweise auf schädliche Wirkungen auf Brustgewebe, Gebärmutter und Schilddrüse bei Frauen in und nach den Wechseljahren.

Augen und Heidelbeeren

Die Legende, Heidelbeeren hätten Piloten im Zweiten Weltkrieg zu besserem Nachtsehen verholfen, hat die Anthocyane berühmt gemacht. Eine systematische Auswertung von Canter und Ernst (2004) fand in den aussagekräftigeren, placebokontrollierten Studien jedoch keinen Nutzen für das Nachtsehen.

Vorkommen in Lebensmitteln

  • Gemüse: Zwiebeln (besonders rote), Grünkohl, Brokkoli, Sellerie, Paprika, Petersilie, Kapern.
  • Obst: Äpfel (vor allem in der Schale), Beeren aller Art, Kirschen, rote Weintrauben, Zitrusfrüchte.
  • Getränke: grüner und schwarzer Tee, Kakao, Rotwein.
  • Hülsenfrüchte und Getreide: Soja (Isoflavone), Buchweizen (Rutin).

Bunte, möglichst wenig verarbeitete pflanzliche Lebensmittel liefern die größte Vielfalt. Lagerung, Schälen und langes Kochen in viel Wasser verringern den Gehalt.

Aufnahme im Körper

Nur ein kleiner Teil der aufgenommenen Flavonoide gelangt unverändert ins Blut. Ein großer Teil wird erst von der Darmflora in kleinere Bruchstücke zerlegt und anschließend in Leber und Darmwand umgebaut. Was im Körper wirkt, sind daher häufig diese Abbauprodukte. Das erklärt, warum eindrucksvolle Laborbefunde sich beim Menschen oft nicht bestätigen.

Anwendung und Dosierung

  • Über die Ernährung: Ein tägliches Angebot an Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten und Tee ist der empfehlenswerteste Weg. Eine offizielle Zufuhrempfehlung für Flavonoide gibt es nicht, da sie nicht lebensnotwendig sind.
  • Quercetin: Nahrungsergänzungsmittel enthalten meist einige hundert Milligramm pro Tagesdosis. Ein Nutzen für Gesunde ist nicht belegt; nach Packungsbeilage dosieren.
  • Isoflavone: Präparate für die Wechseljahre enthalten üblicherweise 40 bis 80 Milligramm Isoflavone pro Tag; nach Packungsbeilage und ärztlicher Rücksprache.
  • Grüntee-Extrakte: Die tägliche Portion eines Lebensmittels mit Grüntee-Extrakt muss in der EU weniger als 800 Milligramm EGCG enthalten (siehe unten).
  • Arzneimittel mit Diosmin oder Hesperidin nach ärztlicher Empfehlung und Packungsbeilage.

Geschichte und Überlieferungen

Flavonoidreiche Pflanzen wie Weißdorn, Kamille, Holunder oder Heidelbeere gehören seit Jahrhunderten zum Schatz der Volksheilkunde, lange bevor man ihre Inhaltsstoffe kannte. Ihre Farbstoffe wurden auch zum Färben von Textilien genutzt, etwa das gelbe Wau-Kraut. 1936 beschrieben István Rusznyák und Albert Szent-Györgyi, der Entdecker des Vitamin C, dass Extrakte aus Zitronenschalen die Durchlässigkeit kleiner Blutgefäße verringerten, und nannten den Wirkstoff „Vitamin P“. Weil sich keine Mangelkrankheit nachweisen ließ, wurde der Vitaminbegriff später aufgegeben. Seit den 1990er-Jahren, angestoßen auch durch die Debatte um das „französische Paradoxon“ und Rotwein, sind Flavonoide eines der meistuntersuchten Themen der Ernährungsforschung.

Gegenanzeigen und Wechselwirkungen

  • Aus Lebensmitteln: In der normalen Ernährung sind Flavonoide unbedenklich.
  • Grüntee-Extrakte: Laut EFSA (2018) können Tagesmengen ab 800 Milligramm EGCG aus Nahrungsergänzungsmitteln die Leberwerte erhöhen; seltene Leberschäden wurden berichtet. Nicht auf nüchternen Magen einnehmen; bei Lebererkrankungen meiden.
  • Wechselwirkungen: Hoch dosierte Einzelflavonoide wie Quercetin können in Studien den Abbau einzelner Arzneimittel über Leberenzyme und Transportproteine beeinflussen. Bekannt ist das Beispiel Grapefruitsaft, dessen Wechselwirkungen allerdings vor allem auf andere Inhaltsstoffe (Furanocumarine) zurückgehen. Grüner Tee kann die Aufnahme einzelner Medikamente vermindern. Bei Dauermedikation ärztlich oder in der Apotheke abklären.
  • Isoflavone: Bei hormonabhängigen Tumorerkrankungen (etwa Brustkrebs), bei Schilddrüsenerkrankungen und unter Hormontherapie nur nach ärztlicher Rücksprache.
  • Schwangerschaft, Stillzeit und Kinder: Flavonoidreiche Lebensmittel sind empfehlenswert; hoch dosierte Präparate sind für diese Gruppen nicht ausreichend untersucht und sollten gemieden werden.
  • Allergien: Allergien gegen Flavonoide selbst sind selten; Präparate können aber Allergene aus ihrer Ausgangspflanze enthalten.

Regulatorische Einordnung in der EU

Für „Flavonoide“ allgemein und für ihre antioxidative Wirkung hat die EFSA keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen. Zugelassen ist eine einzelne Angabe für Kakaoflavanole zur Elastizität der Blutgefäße. Für Lebensmittel mit Grüntee-Extrakten gelten in der EU seit 2022 Beschränkungen: Eine tägliche Portion muss weniger als 800 Milligramm EGCG enthalten, und das Etikett muss unter anderem davor warnen, das Produkt auf nüchternen Magen, in Schwangerschaft und Stillzeit oder unter 18 Jahren zu verzehren.

Ein Beispiel für ein intensiv erforschtes Flavon ist Baicalin aus der Wurzel des Baikal-Helmkrauts, das in der Traditionellen Chinesischen Medizin verwendet wird.

Häufige Fragen und Antworten (FAQ)

Was sind Flavonoide?

Flavonoide sind eine große Klasse pflanzlicher Farbstoffe und Schutzsubstanzen, zu der über 6.000 Verbindungen gehören. Sie sind für die Farben vieler Blüten, Früchte und Blätter verantwortlich und wirken im Körper als Antioxidantien.

Was ist der Unterschied zwischen Flavonoiden und Polyphenolen?

Polyphenole sind die übergeordnete Substanzklasse; Flavonoide sind die größte Unterklasse der Polyphenole. Alle Flavonoide sind Polyphenole, aber nicht alle Polyphenole sind Flavonoide (z.B. Resveratrol, Curcumin gehören anderen Unterklassen an).

Welche Lebensmittel enthalten viele Flavonoide?

Gute Quellen sind Zwiebeln, Äpfel, Beeren, Zitrusfrüchte, grüner und schwarzer Tee, Kakao, Sojaprodukte sowie Kräuter wie Petersilie. Dunkle Beeren liefern vor allem Anthocyane, Tee Catechine und Zwiebeln Quercetin. Eine bunte, abwechslungsreiche Auswahl an Obst und Gemüse deckt die verschiedenen Flavonoidgruppen am besten ab.

Quellen und weiterführende Informationen


Christoph Zauner, Drogist und Inhaber Kräutermax

Über den Autor

Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax

Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.

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