Colostrum: Wirkung, Inhaltsstoffe & Anwendung

Herkunft und Beschreibung
Colostrum (auch Kolostrum, Erstmilch oder Biestmilch) ist die erste Milch, die Säugetiere in den ersten Tagen nach der Geburt bilden. Es unterscheidet sich deutlich von der späteren reifen Milch: Es ist dickflüssiger, gelblicher, eiweißreicher und enthält vor allem große Mengen an Abwehrstoffen. Seine Aufgabe ist es, das Neugeborene in den ersten Lebenstagen mit Nährstoffen und mit einem „Leihschutz“ gegen Krankheitserreger zu versorgen.
Als Nahrungsergänzung wird fast ausschließlich Rinder-Colostrum verwendet. Es wird in den ersten Melkungen nach dem Kalben gewonnen, meist aus Überschüssen, die das Kalb nicht benötigt, und anschließend schonend getrocknet. Der Gehalt an Abwehrstoffen sinkt von Melkung zu Melkung rasch; Colostrum aus der allerersten Melkung ist daher am reichhaltigsten.
Für das Kalb ist Colostrum lebenswichtig: Anders als beim Menschen gelangen beim Rind während der Trächtigkeit kaum Antikörper über die Plazenta zum Ungeborenen. Kälber kommen daher praktisch ohne eigene Antikörper zur Welt und müssen diese in den ersten Lebensstunden über das Colostrum aufnehmen, solange ihr Darm die großen Eiweißmoleküle noch unverändert durchlässt. Beim Menschen ist das anders – das Kind erhält Antikörper bereits über die Plazenta. Die menschliche Erstmilch ist dennoch wertvoll und schützt vor allem die Schleimhäute des Säuglings.
Inhaltsstoffe
- Immunglobuline (Antikörper): Im Rinder-Colostrum vor allem Immunglobulin G (IgG), im menschlichen Colostrum überwiegend Immunglobulin A (IgA). Sie binden Krankheitserreger und deren Giftstoffe.
- Lactoferrin: ein eisenbindendes Eiweiß, das Bakterien Eisen entzieht und im Labor antimikrobiell wirkt.
- Weitere Abwehrproteine: Lysozym und Lactoperoxidase, die Bakterien angreifen können.
- Wachstumsfaktoren: unter anderem IGF-1 und IGF-2 (insulinähnliche Wachstumsfaktoren), TGF-beta und EGF (epidermaler Wachstumsfaktor), die beim Neugeborenen die Entwicklung der Darmschleimhaut unterstützen.
- Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate: deutlich mehr Eiweiß als reife Milch, dafür etwas weniger Milchzucker (Laktose); außerdem Oligosaccharide, die als Nahrung für Darmbakterien dienen.
- Vitamine und Mineralstoffe: unter anderem Vitamin A und E sowie Zink und Calcium – in den bei Nahrungsergänzungen üblichen Mengen ernährungsphysiologisch aber nur von geringer Bedeutung.
Wichtig für die Einordnung: Beim Erwachsenen werden die meisten dieser Eiweiße im Magen und Dünndarm verdaut. Ein Teil der Antikörper erreicht den Darm offenbar noch in wirksamer Form und kann dort lokal Krankheitserreger binden. In nennenswerter Menge ins Blut gelangen sie jedoch nicht.
Heilwirkung
Anwendungsbereiche und gesundheitliche Vorteile:
- Atemwegsinfekte bei Sportlern: Studien geben Hinweise, dass Colostrum bei intensiv trainierenden Menschen die Häufigkeit von Infektionen der oberen Atemwege senken kann.
- Abwehrkräfte allgemein: Ob Colostrum die Widerstandskraft gesunder Erwachsener gegen Erkältungen oder Grippe verbessert, ist nicht ausreichend belegt.
- Darmschleimhaut: In kleinen Studien schwächte Colostrum die durch bestimmte Schmerzmittel (NSAR) oder starke körperliche Belastung erhöhte Durchlässigkeit der Darmwand ab – Hinweise, keine gesicherte Wirkung.
- Durchfallerkrankungen: Speziell gewonnenes, gegen bestimmte Erreger gerichtetes Colostrum wurde bei infektiösen Durchfällen untersucht; für handelsübliches Colostrum ist das nicht belegt.
- Sport und Regeneration: Zu Leistungsfähigkeit, Muskelmasse und Erholung sind die Studienergebnisse uneinheitlich.
- Wundheilung und Haut: Colostrum wird in Cremes verwendet; eine beschleunigte Wundheilung ist beim Menschen nicht belegt.
- Autoimmunerkrankungen: Eine Wirkung bei Autoimmunerkrankungen ist wissenschaftlich nicht belegt.
Colostrum und das Immunsystem
Die Idee hinter Colostrum ist naheliegend: Was das Kalb schützt, soll auch dem Menschen nützen. Tatsächlich können die Antikörper aus Rinder-Colostrum im Darm Bakterien, Viren und Bakteriengifte binden. Das Immunsystem wird dadurch aber nicht „trainiert“ oder dauerhaft gestärkt – es handelt sich um einen vorübergehenden, örtlichen Schutz an der Darmschleimhaut.
Am häufigsten untersucht wurden Sportlerinnen und Sportler, weil intensives Training die Infektanfälligkeit vorübergehend erhöhen kann. Eine Metaanalyse (Jones und Kollegen, 2016) fasste fünf randomisierte Studien mit insgesamt 152 trainierenden Erwachsenen zusammen: Über acht bis zwölf Wochen traten unter Colostrum weniger Tage mit Beschwerden der oberen Atemwege auf als unter Placebo. Die einzelnen Studien waren allerdings klein, und die Autoren forderten eine größere, sorgfältig geplante Studie zur Bestätigung. Für gesunde Erwachsene ohne besondere Belastung, für ältere Menschen oder Kinder ist die Datenlage dünner.
Colostrum und der Darm
Beim Neugeborenen unterstützen die Wachstumsfaktoren des Colostrums die Reifung der Darmschleimhaut. Ob das beim Erwachsenen ähnlich funktioniert, ist offen. In kleinen Studien (unter anderem von Playford und Kollegen) schwächte Rinder-Colostrum die Zunahme der Darmdurchlässigkeit ab, die durch entzündungshemmende Schmerzmittel oder durch Ausdauerbelastung in Hitze ausgelöst wurde. Ein „Leaky-Gut-Syndrom“ als eigenständige Krankheit ist medizinisch nicht anerkannt. Bei entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa ist Colostrum keine Behandlung; dort gehört die Therapie in ärztliche Hände. Für den Darmaufbau nach Antibiotika fehlen belastbare Belege.
Gut untersucht ist dagegen ein Spezialfall: Werden Kühe gezielt gegen bestimmte Erreger geimpft, enthält ihr Colostrum besonders viele Antikörper gegen genau diese Erreger („hyperimmunes“ Colostrum). Solche Präparate wurden etwa bei Rotavirus-Durchfall von Kindern oder bei Reisedurchfall erforscht. Handelsübliches Colostrum ist damit nicht vergleichbar.
Colostrum im Sport
Wegen der Wachstumsfaktoren ist Colostrum im Sport beliebt. Studien zu Kraft, Ausdauer, Muskelmasse und Erholung kommen jedoch zu widersprüchlichen Ergebnissen, und ein Anstieg des körpereigenen IGF-1 ließ sich nicht durchgehend nachweisen. Colostrum steht nicht auf der Dopingliste; die Welt-Anti-Doping-Agentur rät Athletinnen und Athleten wegen des enthaltenen IGF-1 dennoch davon ab. Hinweise zur Leistungsoptimierung im Sport finden Sie in einem eigenen Beitrag.
Colostrum für Haut und Wunden
In Kosmetik wird Colostrum als pflegender Bestandteil von Cremes eingesetzt. Laborversuche und Tierstudien zu Wachstumsfaktoren und Wundheilung gibt es, aussagekräftige Studien am Menschen jedoch kaum. Eine Einnahme zur Verbesserung der Haut ist nicht belegt.
Colostrum-Globuli
Neben Pulver und Kapseln gibt es Colostrum auch als homöopathische Zubereitung. Diese ist so stark verdünnt, dass sie keine messbaren Mengen der genannten Inhaltsstoffe mehr enthält; die hier beschriebenen Studien lassen sich darauf nicht übertragen. Eine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus ist für homöopathische Mittel nicht belegt.
Anwendung und Dosierung
- Formen: Pulver (zum Einrühren in Wasser, Joghurt oder Müsli), Kapseln, Lutschtabletten und flüssiges Colostrum.
- Menge: Einheitliche Empfehlungen gibt es nicht. In Studien mit Sportlern wurden teils deutlich größere Mengen verwendet, als Nahrungsergänzungen üblicherweise enthalten. Maßgeblich ist die Angabe auf der Packung.
- Einnahme: Meist auf nüchternen Magen oder vor einer Mahlzeit empfohlen; ein Vorteil dieser Regel ist nicht belegt. Pulver nicht in heiße Flüssigkeiten einrühren, da Eiweiße hitzeempfindlich sind.
- Dauer: In Studien wurde Colostrum über einige Wochen bis wenige Monate eingenommen; über die Sicherheit einer jahrelangen Einnahme gibt es kaum Daten.
- Qualität: Auf Herkunft, Gewinnung aus den ersten Melkungen und auf eine Angabe zum Immunglobulingehalt achten.
Geschichte und Überlieferungen
Die Erstmilch hatte in vielen bäuerlichen Kulturen eine besondere Stellung. In Skandinavien und Finnland wurde die Biestmilch der Kühe traditionell zu einer gestockten Süßspeise verarbeitet – in Schweden als „Kalvdans“ bekannt. In anderen Gegenden galt Biestmilch als besonders kräftigend und wurde Kranken oder Genesenden gegeben.
Wissenschaftlich rückte die schützende Wirkung der Erstmilch Ende des 19. Jahrhunderts in den Blick: Paul Ehrlich zeigte in Versuchen an Mäusen, dass Immunität über die Muttermilch an die Jungen weitergegeben werden kann. Im 20. Jahrhundert wurde die Bedeutung des Colostrums für die Kälberaufzucht genau erforscht; heute gilt die rasche Colostrum-Versorgung neugeborener Kälber als Grundregel der Tierhaltung. Für Menschen empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation, Neugeborene möglichst innerhalb der ersten Lebensstunde anzulegen, damit sie die Erstmilch erhalten. Als Nahrungsergänzung für Erwachsene wurde Rinder-Colostrum ab den 1990er-Jahren populär.
Gegenanzeigen und Wechselwirkungen
- Milcheiweißallergie: Colostrum enthält Kuhmilcheiweiß und ist bei einer Milchallergie nicht geeignet.
- Laktoseintoleranz: Colostrum enthält Milchzucker, wenn auch etwas weniger als Milch. Bei ausgeprägter Unverträglichkeit können Beschwerden auftreten. Bei Galaktosämie nicht anwenden.
- Nebenwirkungen: Gelegentlich treten Völlegefühl, Blähungen, Übelkeit oder Durchfall auf, vor allem bei größeren Mengen.
- Schwangerschaft und Stillzeit: Es fehlen ausreichende Sicherheitsdaten; nur nach ärztlicher Rücksprache.
- Kinder: Für Säuglinge ist Muttermilch durch nichts zu ersetzen. Colostrum-Präparate bei Kindern nur nach ärztlichem Rat.
- Autoimmunerkrankungen und Immunsuppression: Wer an einer Autoimmunerkrankung leidet, ein Organ transplantiert bekam oder immunsuppressive Medikamente einnimmt, sollte Colostrum nur nach ärztlicher Absprache verwenden.
- Krebserkrankungen: Wegen der enthaltenen Wachstumsfaktoren wird bei Krebserkrankungen zur Vorsicht und zur ärztlichen Rücksprache geraten, auch wenn eine Aufnahme ins Blut fraglich ist.
- Wechselwirkungen: Systematische Untersuchungen liegen nicht vor. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte die Einnahme mit Arzt oder Apotheke abstimmen.
Regulatorische Einordnung in der EU
Colostrum wird in der EU als Lebensmittel beziehungsweise Nahrungsergänzungsmittel verkauft, nicht als Arzneimittel. Für Colostrum ist keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen. Aussagen wie „stärkt das Immunsystem“ dürfen für Colostrum daher nicht beworben werden; die oben genannten Anwendungen beruhen auf Studienhinweisen, nicht auf gesicherten Wirkungen.
Häufige Fragen und Antworten
-
Kann Colostrum Allergien verursachen?
Ja, Menschen mit Milchallergien sollten Colostrum vermeiden, da es Milchproteine enthält. -
Gibt es spezielle Anwendungsempfehlungen für Colostrum?
Einheitliche Empfehlungen gibt es nicht; maßgeblich ist die Angabe auf der Packung. Pulver nicht in heiße Flüssigkeiten einrühren, da die Eiweiße hitzeempfindlich sind. Bei Milcheiweißallergie ist Colostrum nicht geeignet. -
Kann Colostrum während der Schwangerschaft eingenommen werden?
Schwangere oder stillende Frauen sollten vor der Einnahme von Colostrum-Nahrungsergänzungsmitteln Rücksprache mit ihrem Arzt halten. -
Welche anderen Nährstoffe sind in Colostrum enthalten?
Colostrum enthält neben Immunglobulinen und Proteinen auch Vitamine, Mineralien und Enzyme. -
Wie lange sollte man Colostrum einnehmen, um Ergebnisse zu sehen?
In Studien wurde Colostrum meist über mehrere Wochen bis wenige Monate eingenommen, bei Sportlern häufig acht bis zwölf Wochen. Eine gesicherte Wirkung bei gesunden Erwachsenen ist nicht belegt, und über die Sicherheit einer jahrelangen Einnahme gibt es kaum Daten. -
Welche Nebenwirkungen hat Colostrum?
Colostrum vom Rind gilt als gut verträglich, gelegentlich treten leichte Verdauungsbeschwerden auf. Da es Milcheiweiß und Milchzucker enthält, ist es bei Milcheiweißallergie nicht geeignet, bei Laktoseintoleranz nur eingeschränkt. Schwangere, Stillende und Menschen mit chronischen Erkrankungen sollten Rücksprache mit dem Arzt halten. -
Wie wirkt Colostrum auf das Immunsystem?
Colostrum enthält Immunglobuline, Lactoferrin und Wachstumsfaktoren, die in der Natur das Neugeborene schützen. Einige Studien, etwa bei Sportlern, deuten auf weniger Infekte der oberen Atemwege hin. Insgesamt ist die Studienlage für Erwachsene aber noch begrenzt. -
Hilft Colostrum bei Autoimmunerkrankungen?
Eine Wirkung von Colostrum bei Autoimmunerkrankungen ist wissenschaftlich nicht belegt. Wer an einer Autoimmunerkrankung leidet oder immunsupprimierende Medikamente einnimmt, sollte die Einnahme vorher ärztlich besprechen.
Quellen und weiterführende Informationen
- Godden SM et al. (2019): Colostrum Management for Dairy Calves. Vet Clin North Am Food Anim Pract 35(3):535-556. → PubMed PMID 31590901
- Wikipedia: Kolostrum (Colostrum)
- Wikipedia (EN): Colostrum (EN)
- PMC: The Effect of Bovine Colostrum on Immunity in People of All Ages (Review, 2024)
- PMC: Bovine Colostrum Applications in Sick and Healthy People (Systematic Review, 2021)
- PMC: Immunological Outcomes of Bovine Colostrum Supplementation (Systematic Review & Meta-analysis)
- PMC: Bovine colostrum and upper respiratory symptoms during exercise (Meta-analysis of RCTs)
- Playford RJ (2021): The Use of Bovine Colostrum in Medical Practice and Human Health: Current Evidence and Areas Requiring Further Examination. PMC8746576
Die oben genannten Informationen sind allgemein gehalten und ersetzen nicht die Beratung durch medizinisches Fachpersonal.

Über den Autor
Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax
Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.
Die bereitgestellten Informationen dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.
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