Polyarthritis (Gelenksentzündung): Ursachen, Symptome & was hilft

Was ist eine Polyarthritis?
Als Polyarthritis bezeichnet man eine Entzündung von mehreren – meist fünf oder mehr – Gelenken gleichzeitig. Sind nur ein Gelenk oder wenige betroffen, spricht man von Mono- bzw. Oligoarthritis. Polyarthritis ist ein Oberbegriff für ein Beschwerdebild, nicht eine einzelne Krankheit. Die mit Abstand häufigste Ursache bei Erwachsenen ist die rheumatoide Arthritis (früher „chronische Polyarthritis“), eine Autoimmunerkrankung, bei der sich das Immunsystem gegen die Innenhaut der Gelenke richtet.
Die rheumatoide Arthritis betrifft etwa ein Prozent der Erwachsenen, Frauen deutlich häufiger als Männer. Sie kann in jedem Alter beginnen, am häufigsten zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr. Unbehandelt zerstört die Entzündung über die Jahre Knorpel, Knochen, Sehnen und Bänder; die Gelenke können sich verformen und versteifen. Die Erkrankung ist heute zwar nicht heilbar, aber dank moderner Therapien meist gut kontrollierbar – vorausgesetzt, sie wird früh erkannt.
Arthritis oder Arthrose?
Die beiden Begriffe werden oft verwechselt. Arthritis ist eine Entzündung mit Schwellung, Überwärmung und ausgeprägter Morgensteifigkeit. Arthrose ist dagegen ein Verschleiß des Gelenkknorpels mit Anlauf- und Belastungsschmerz. Beide können gleichzeitig vorkommen.
Ursachen
Bei der rheumatoiden Arthritis ist die genaue Ursache nicht vollständig geklärt. Es wirken mehrere Faktoren zusammen:
- Erbliche Veranlagung: bestimmte Gewebemerkmale des Immunsystems erhöhen das Risiko.
- Rauchen: der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor; es erhöht das Erkrankungsrisiko und verschlechtert den Verlauf.
- Entzündungen an Schleimhäuten: etwa eine Parodontitis wird als möglicher Auslöser diskutiert.
- Hormonelle Faktoren, Übergewicht und weitere Umweltfaktoren.
Im entzündeten Gelenk sammeln sich Immunzellen und Botenstoffe wie Tumornekrosefaktor und Interleukin-6, die Gelenkinnenhaut wuchert und greift Knorpel und Knochen an. Neben der rheumatoiden Arthritis können auch andere Erkrankungen mehrere Gelenke entzünden: die Psoriasis-Arthritis bei Schuppenflechte, Gelenkentzündungen bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Kollagenosen wie der Lupus erythematodes, reaktive Arthritiden nach Darm- oder Harnwegsinfekten, Virusinfekte, eine Borreliose oder seltener eine mehrgelenkige Gicht. Einen Überblick gibt die Seite zu Rheuma.
Symptome
Typisch für die rheumatoide Arthritis ist ein schleichender Beginn mit:
- Schmerzen und Schwellungen mehrerer Gelenke, oft beidseitig gleichmäßig an den Fingergrund- und Fingermittelgelenken, den Handgelenken und den Zehengrundgelenken
- Morgensteifigkeit, die meist länger als 30 bis 60 Minuten dauert
- Überwärmung und Druckschmerz der Gelenke; ein seitlicher Händedruck schmerzt
- Kraftlosigkeit, verminderte Beweglichkeit
- Erschöpfung, Abgeschlagenheit, leichtes Fieber, Appetit- und Gewichtsverlust
- Rheumaknoten: derbe, schmerzlose Knoten unter der Haut, etwa am Ellbogen, bei einem Teil der Betroffenen
Die Entzündung kann auch andere Organe betreffen: Augen und Mund können trocken werden, seltener sind Lunge, Blutgefäße oder Herzbeutel beteiligt. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Osteoporose ist erhöht.
Die Diagnose stützt sich auf die Untersuchung der Gelenke, Blutwerte wie Entzündungswerte, Rheumafaktor und Antikörper gegen citrullinierte Peptide (Anti-CCP) sowie Ultraschall- und Röntgenbilder. Ein negativer Rheumafaktor schließt die Erkrankung nicht aus.
Heilwirkung
Anwendungsbereiche und gesundheitliche Vorteile:
- Omega-3-Fettsäuren: Fischölfettsäuren wirken entzündungsmodulierend; in Studien gab es weniger druckschmerzhafte Gelenke und einen geringeren Schmerzmittelbedarf.
- Gamma-Linolensäure: Öle aus Nachtkerze, Borretsch oder Johannisbeersamen linderten laut Cochrane-Review Schmerzen mit mäßiger Evidenz.
- Weihrauch: Boswelliasäuren hemmen im Labor Entzündungsenzyme; klinische Daten zur rheumatoiden Arthritis sind spärlich.
- Teufelskralle: von der EMA traditionell zur Linderung leichter Gelenkschmerzen anerkannt; bei aktiver Entzündung nicht ausreichend.
- Kurkuma: Curcumin wirkt im Labor entzündungshemmend; die Studienlage am Menschen ist klein.
- Glucosamin: wird bei Arthrose untersucht; für entzündliche Polyarthritis gibt es keine Belege.
- MSM (Methylsulfonylmethan): wenige kleine Studien bei Arthrose; bei rheumatoider Arthritis nicht belegt.
- Arnika: äußerlich traditionell bei Muskel- und Gelenkbeschwerden; auf akut entzündeten, geschwollenen Gelenken keine Behandlung.
Was die Studien zeigen
Ein Cochrane-Review von Cameron und Kollegen (2011) untersuchte 22 Studien zu pflanzlichen Mitteln bei rheumatoider Arthritis. Für Öle mit Gamma-Linolensäure fand er Evidenz mittlerer Qualität für eine Linderung von Schmerzen und eine bessere Alltagsfunktion. Die meisten anderen pflanzlichen Mittel waren nur in einzelnen, nicht vergleichbaren Studien geprüft. Für Omega-3-Fettsäuren aus Fischöl ergab eine Metaanalyse von Lee und Kollegen (2012), dass Tagesmengen ab etwa 2,7 g über mindestens drei Monate den Verbrauch entzündungshemmender Schmerzmittel senkten; Schwellungen und Morgensteifigkeit besserten sich nur tendenziell. Eine neuere Metaanalyse von Wang und Kollegen (2024) mit 18 Studien und gut 1.000 Betroffenen fand weniger druckschmerzhafte Gelenke. Keines dieser Mittel kann die Gelenkzerstörung aufhalten – das leisten nur die ärztlich verordneten Basistherapeutika.
Was Sie selbst tun können
- Früh zur Rheumatologie: Die ersten Monate nach Beschwerdebeginn gelten als entscheidendes „Zeitfenster“, in dem eine Behandlung am meisten bewirkt.
- Therapie konsequent einhalten: Basistherapeutika wie Methotrexat, Biologika oder JAK-Hemmer verhindern Gelenkschäden; Ziel ist die Remission, also möglichst keine Entzündungsaktivität. Wer Methotrexat einnimmt, erhält meist zusätzlich Folsäure nach ärztlichem Plan.
- Nicht rauchen: Rauchstopp verbessert den Verlauf und das Ansprechen auf Medikamente.
- Bewegung: regelmäßige, gelenkschonende Aktivität wie Radfahren, Schwimmen, Wassergymnastik und angepasstes Krafttraining; Physio- und Ergotherapie helfen, Beweglichkeit und Kraft zu erhalten.
- Kälte und Wärme: Kühlung lindert akut entzündete Gelenke, Wärme eher die Steifigkeit in ruhigen Phasen.
- Ernährung: mediterran mit viel Gemüse, Obst, Vollkorn, Hülsenfrüchten, Fisch und pflanzlichen Ölen, wenig Fleisch und Wurst; ein normales Körpergewicht entlastet die Gelenke.
- Knochen und Herz schützen: ausreichend Calcium und Vitamin D, Blutdruck und Blutfette kontrollieren lassen.
- Zahnpflege: Zahnfleischentzündungen behandeln lassen.
Nahrungsergänzungen und pflanzliche Mittel sollten mit der behandelnden Rheumatologin bzw. dem Rheumatologen abgestimmt werden. Omega-3-Fettsäuren in hoher Dosis und Teufelskralle können zum Beispiel mit Gerinnungshemmern zusammenwirken, und unter Immunsuppressiva ist bei manchen Mitteln Vorsicht geboten.
Wann zum Arzt?
Eine ärztliche Abklärung – möglichst in einer rheumatologischen Praxis oder Ambulanz – ist angezeigt, wenn:
- zwei oder mehr Gelenke länger als sechs Wochen geschwollen oder schmerzhaft sind,
- die Morgensteifigkeit länger als eine halbe Stunde anhält,
- ein seitlicher Händedruck oder Fußdruck auf die Zehengrundgelenke schmerzt,
- Gelenkbeschwerden mit Fieber, Hautausschlag, Augenentzündung, Durchfall oder Gewichtsverlust einhergehen.
Rasch ärztliche Hilfe brauchen ein plötzlich stark geschwollenes, gerötetes und heißes Gelenk mit Fieber – das kann eine bakterielle Gelenkentzündung sein – sowie Fieber, Atemnot oder Infektzeichen unter immunsupprimierender Therapie.
Geschichte und Überlieferungen
Die rheumatoide Arthritis wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von dem französischen Arzt Augustin Jacob Landré-Beauvais erstmals als eigenes Krankheitsbild beschrieben; der Name „rheumatoide Arthritis“ geht auf den englischen Arzt Alfred Baring Garrod zurück. Lange standen nur Schmerzmittel, Gold- und Kortisonpräparate zur Verfügung. Mit Methotrexat ab den 1980er-Jahren und den Biologika ab Ende der 1990er-Jahre hat sich die Prognose grundlegend verbessert. In der Volksmedizin wurden Gelenkbeschwerden mit Pflanzen wie der Teufelskralle, die im südlichen Afrika traditionell als Schmerzmittel genutzt wurde, der Weidenrinde oder Brennnesselauflagen behandelt.
Häufige Fragen und Antworten
-
Kann Gelenksentzündung (Polyarthritis) geheilt werden?
Das hängt von der Ursache ab. Eine reaktive oder virusbedingte Polyarthritis heilt oft vollständig aus. Die rheumatoide Arthritis ist chronisch und nicht heilbar; mit einer frühzeitigen, konsequenten Basistherapie lässt sich die Entzündung aber bei vielen Betroffenen so weit zurückdrängen, dass kaum noch Beschwerden bestehen (Remission) und Gelenkschäden verhindert werden. -
Welche Rolle spielt Ernährung bei Gelenksentzündung?
Eine entzündungshemmende Ernährung mit viel Gemüse, Omega-3-Fettsäuren und wenig Zucker kann bei der Kontrolle von Gelenksymptomen hilfreich sein. -
Kann Sport bei Polyarthritis betrieben werden?
Ja, regelmäßige Bewegung und Physiotherapie können die Gelenkbeweglichkeit verbessern. -
Welche Medikamente werden zur Behandlung von Polyarthritis eingesetzt?
Bei rheumatoider Arthritis bilden Basistherapeutika (DMARDs) wie Methotrexat die Grundlage; reicht das nicht, kommen Biologika oder JAK-Hemmer hinzu. Sie bremsen die Entzündung und verhindern Gelenkschäden. Kortison wird oft vorübergehend zur raschen Entzündungshemmung eingesetzt, entzündungshemmende Schmerzmittel lindern Beschwerden, beeinflussen den Krankheitsverlauf aber nicht. -
Gibt es Möglichkeiten, die Progression von Polyarthritis zu verlangsamen?
Ja. Entscheidend sind ein früher Therapiebeginn in einer rheumatologischen Praxis und die konsequente Einnahme der Basistherapie mit dem Ziel der Remission. Rauchstopp, regelmäßige Bewegung, Physiotherapie und ein normales Körpergewicht unterstützen den Verlauf zusätzlich. -
Was ist der Unterschied zwischen Arthritis und Arthrose?
Arthritis ist eine Entzündung des Gelenks mit Schwellung, Überwärmung und oft länger anhaltender Morgensteifigkeit. Arthrose ist dagegen ein Verschleiß des Gelenkknorpels, typisch sind Anlaufschmerzen und Schmerzen bei Belastung. Beide können gleichzeitig auftreten und sollten ärztlich unterschieden werden.
Quellen und weiterführende Informationen
- Li XZ, Zhang SN (2020): Herbal compounds for rheumatoid arthritis: Literatures review and cheminformatics prediction. Phytother Res 34(1):51-66. -> PubMed PMID 31515874
- Wikipedia: Polyarthritis
- Wikipedia (EN): Polyarthritis (EN)
- PMC: Rheumatoid arthritis – pathogenesis and therapeutic advances (Review, 2024)
- PMC: Cytokine Networks in the Pathogenesis of Rheumatoid Arthritis (Review, 2021)
- PMC: New perspectives on the pathogenesis of rheumatoid arthritis (Review)
- Cameron M, Gagnier JJ, Chrubasik S (2011): Herbal therapy for treating rheumatoid arthritis – Cochrane Review (PMC)
- Lee YH, Bae SC, Song GG (2012): Omega-3 polyunsaturated fatty acids and the treatment of rheumatoid arthritis: a meta-analysis (PubMed)
- Wang W et al. (2024): Effects of omega-3 supplementation on lipid metabolism, inflammation, and disease activity in rheumatoid arthritis: a meta-analysis of randomized controlled trials (PubMed)
Die oben genannten Informationen sind allgemein gehalten und ersetzen nicht die Beratung durch medizinisches Fachpersonal.

Über den Autor
Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax
Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.
Die bereitgestellten Informationen dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.
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