Milchsäurebakterien: Wirkung, Vorkommen & Anwendung

Milchsaeurebakterien Lexikon Bild

Herkunft und Beschreibung

Milchsäurebakterien sind eine große Gruppe von Bakterien, die Zucker überwiegend zu Milchsäure vergären. Sie sind grampositiv, bilden keine Sporen und kommen mit wenig oder ganz ohne Sauerstoff aus. Man findet sie auf Pflanzen, in Milch, in fermentierten Lebensmitteln sowie auf den Schleimhäuten von Mensch und Tier – im Mund, im Darm und in der Scheide.

Oft werden Milchsäurebakterien mit Laktobazillen gleichgesetzt. Das ist nur teilweise richtig: Laktobazillen sind die bekannteste, aber nicht die einzige Gruppe. Dazu gehören auch Laktokokken, Streptococcus thermophilus (eine klassische Joghurtkultur), Leuconostoc, Pediokokken und Enterokokken. Die früher sehr große Gattung Lactobacillus wurde 2020 anhand von Erbgutvergleichen auf über 20 Gattungen aufgeteilt; deshalb tragen bekannte Arten heute neue Namen, etwa Lacticaseibacillus rhamnosus statt Lactobacillus rhamnosus. Bifidobakterien werden im Alltag oft dazugezählt, weil sie ebenfalls Milchsäure bilden, gehören biologisch aber zu einer anderen Bakteriengruppe.

Wichtig für das Verständnis: Die Eigenschaften von Milchsäurebakterien sind stammspezifisch. Was für einen bestimmten Bakterienstamm in Studien gezeigt wurde, gilt nicht automatisch für andere Stämme derselben Art – und schon gar nicht für alle Milchsäurebakterien. Werden lebende Mikroorganismen gezielt eingenommen, weil sie in ausreichender Menge einen gesundheitlichen Nutzen haben sollen, spricht man von Probiotika.

Wirkungsweise

  • Säuerung: Die gebildete Milchsäure senkt den pH-Wert. In Lebensmitteln wie Sauerkraut, Joghurt oder Kefir macht das die Ware haltbar, weil viele Verderbniskeime im sauren Milieu nicht wachsen. In der Scheide halten Laktobazillen auf ähnliche Weise ein saures Milieu aufrecht, das vor Fehlbesiedelung schützt.
  • Hemmstoffe: Manche Stämme bilden Bakteriocine – kleine, eiweißartige Hemmstoffe gegen andere Bakterien – sowie Wasserstoffperoxid.
  • Konkurrenz: Milchsäurebakterien besetzen Nischen und Nährstoffe, die sonst unerwünschten Keimen zur Verfügung stünden.
  • Austausch mit dem Immunsystem: Ein großer Teil der Abwehrzellen sitzt in der Darmwand. Einzelne Stämme beeinflussen im Labor die Ausschüttung von Botenstoffen dieser Zellen; welche Bedeutung das im Alltag hat, ist offen.
  • Lactoseabbau: Joghurtkulturen bilden das Enzym β-Galactosidase, das Milchzucker spaltet. Deshalb wird Joghurt mit lebenden Kulturen von vielen Menschen mit Lactoseverdauungsstörung besser vertragen als Milch.

Viele aufgenommene Milchsäurebakterien siedeln sich nicht dauerhaft im Darm an, sondern durchwandern ihn und werden nach dem Absetzen wieder ausgeschieden. Ihre Wirkung ist daher an die regelmäßige Aufnahme gebunden.

Heilwirkung

Anwendungsbereiche und gesundheitliche Vorteile:

  • Durchfall unter Antibiotika: Am besten belegt – bestimmte Stämme senken das Risiko für antibiotikabedingten Durchfall, besonders bei Kindern.
  • Darmgesundheit und Lactoseverdauung: Lebende Joghurtkulturen verbessern die Lactoseverdauung bei Menschen mit Lactoseverdauungsstörung (in der EU zugelassene Angabe).
  • Verdauungsstörungen: Bei Blähungen, Verstopfung und Reizdarm gibt es Hinweise auf Nutzen einzelner Stämme, die Ergebnisse schwanken stark.
  • Immunsystem: Einzelne Studien zeigen etwas weniger oder kürzere Atemwegsinfekte; eine allgemeine „Immunstärkung“ ist nicht belegt.
  • Infektionen im Intimbereich: Laktobazillen prägen die gesunde Scheidenflora; ob Präparate bei bakterieller Vaginose oder Harnwegsinfektionen vorbeugen, ist nicht ausreichend gesichert.
  • Allergien und Ekzeme: Hinweise, dass bestimmte Stämme in Schwangerschaft und Säuglingszeit das Ekzemrisiko senken können; zur Behandlung bestehender Allergien kaum Belege.
  • Haut: Für Akne und Hautunreinheiten liegen nur kleine Studien vor; die Milchsäure selbst wird in der Hautpflege als milder Fruchtsäure-Wirkstoff genutzt.

Außer der genannten Angabe zu Joghurtkulturen ist für Milchsäurebakterien in der EU keine gesundheitsbezogene Angabe zugelassen. Die folgenden Abschnitte ordnen den Forschungsstand ein.

Milchsäurebakterien für den Darm: Was ist belegt?

Am stärksten ist die Datenlage beim Durchfall während einer Antibiotikabehandlung. Eine Cochrane-Übersicht (Guo und Mitarbeiter, 2019) fand bei Kindern ein deutlich geringeres Risiko, wenn sie begleitend Probiotika erhielten; am überzeugendsten waren hohe Dosen von Lacticaseibacillus rhamnosus und der Hefe Saccharomyces boulardii. Beim akuten Magen-Darm-Infekt von Kleinkindern brachten dagegen zwei große Studien keinen Vorteil – auch nicht für den gut untersuchten Stamm L. rhamnosus GG (Schnadower und Mitarbeiter, 2018).

Beim Reizdarm bessern manche Stämme oder Mischungen Blähungen und Bauchschmerzen, andere nicht. Bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen gibt es für die Colitis ulcerosa einzelne positive Befunde, für den Morbus Crohn keinen belegten Nutzen. Allgemeine Aussagen wie „stärkt die Darmflora“ lassen sich daraus nicht ableiten.

Immunsystem, Entzündungen und Autoimmunerkrankungen

Weil Darm und Abwehr eng zusammenarbeiten, wird Milchsäurebakterien oft eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben. Laborbefunde dazu sind zahlreich; beim Menschen sind die Effekte klein und stammabhängig. Dass Milchsäurebakterien Entzündungen im Körper allgemein senken oder Autoimmunerkrankungen wie die rheumatoide Arthritis bessern, ist nicht belegt. Solche Erkrankungen gehören in ärztliche Behandlung.

Was ist eine Milchsäurekur?

Mit „Milchsäurekur“ ist meist die regelmäßige Aufnahme von Milchsäurebakterien über einige Wochen gemeint – über fermentierte Lebensmittel oder Präparate, häufig nach einer Antibiotikabehandlung. Sinnvoll ist eine solche Kur vor allem begleitend zur Antibiotikagabe; für den Nutzen danach gibt es weniger Belege. Eine ballaststoffreiche Kost mit Gemüse, Vollkorn, Hülsenfrüchten und präbiotischen Fasern wie Inulin oder Flohsamenschalen liefert der eigenen Darmflora zugleich das „Futter“.

Vorkommen in Lebensmitteln

Lebende Milchsäurebakterien enthalten Naturjoghurt, Sauermilch, Buttermilch, Kefir, rohes (nicht pasteurisiertes) Sauerkraut, milchsauer eingelegtes Gemüse wie Salzgurken oder Kimchi sowie Sauerteig vor dem Backen. Wichtig: Wird ein Lebensmittel nach der Gärung erhitzt – etwa pasteurisiertes Sauerkraut aus Dose oder Glas, wärmebehandelter Joghurt oder gebackenes Brot –, sind die Bakterien abgetötet. Der Geschmack bleibt, die lebenden Kulturen nicht.

Anwendung und Dosierung

  • Über die Ernährung: Täglich eine Portion fermentierter Lebensmittel ist für gesunde Menschen eine einfache Möglichkeit.
  • Präparate: Erhältlich als Kapseln, Pulver oder Trinkfläschchen. Entscheidend sind die genaue Stammbezeichnung und die Keimzahl (in koloniebildenden Einheiten, KBE). Es gilt die Angabe auf der Packung.
  • Begleitend zu Antibiotika: Bakterienpräparate mit etwa zwei bis drei Stunden Abstand zum Antibiotikum einnehmen, damit sie nicht gleich mit abgetötet werden. Hefepräparate (Saccharomyces boulardii) sind davon nicht betroffen, wohl aber von Mitteln gegen Pilze.
  • Lagerung: Lebende Kulturen sind empfindlich – Lagerhinweise auf der Packung (kühl, trocken) beachten.
  • Dauer: Wer nach zwei bis vier Wochen keine Besserung bemerkt, sollte das Präparat nicht endlos weiter nehmen, sondern die Beschwerden abklären lassen.

Geschichte und Überlieferungen

Milchsauer vergorene Lebensmittel gehören zu den ältesten Konservierungsverfahren der Menschheit – lange bevor man wusste, dass Bakterien dahinterstecken. Sauerkraut, Sauermilch und eingelegtes Gemüse sicherten über Jahrhunderte die Vorräte für den Winter. Louis Pasteur beschrieb Mitte des 19. Jahrhunderts die Milchsäuregärung als Werk lebender Mikroorganismen. Um 1900 vertrat der russische Forscher Élie Metschnikow, Nobelpreisträger von 1908, die Idee, dass Sauermilchbakterien die Darmflora günstig beeinflussen und so zur Langlebigkeit beitragen könnten – eine Wurzel der heutigen Probiotikaforschung. Im selben Zeitraum wurden aus dem Stuhl gestillter Säuglinge erstmals Bifidobakterien isoliert. Heute untersucht die Mikrobiomforschung mit modernen Methoden, welche Stämme unter welchen Bedingungen tatsächlich nützen.

Gegenanzeigen und Wechselwirkungen

  • Verträglichkeit: Für gesunde Menschen gelten Milchsäurebakterien als sehr sicher. Zu Beginn können Blähungen, Völlegefühl oder ein veränderter Stuhlgang auftreten, die meist nach einigen Tagen abklingen.
  • Geschwächte Abwehr: Bei stark geschwächtem Immunsystem (etwa unter Chemotherapie, nach Transplantationen), bei zentralen Venenkathetern, schweren akuten Erkrankungen oder nach Darmoperationen sind in seltenen Fällen Blutvergiftungen durch die eingenommenen Keime beschrieben. In diesen Situationen nur nach ärztlicher Rücksprache.
  • Frühgeborene: Probiotika nur auf ärztliche Anordnung.
  • Kurzdarmsyndrom: Hier kann es zu einer Übersäuerung durch D-Milchsäure kommen; nur unter ärztlicher Kontrolle.
  • Histaminunverträglichkeit: Fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut können viel Histamin enthalten und Beschwerden auslösen.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Fermentierte Lebensmittel aus hygienisch einwandfreier Herstellung sind unbedenklich; bei Präparaten Rücksprache mit Ärztin oder Apotheke halten.
  • Wechselwirkungen: Antibiotika vermindern die Wirkung bakterieller Präparate (Abstand halten). Unter Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken, vorher ärztlich abklären.
  • Warnzeichen: Durchfall mit Fieber, Blut im Stuhl, starke Bauchschmerzen, Anzeichen von Austrocknung oder Durchfall, der länger als einige Tage anhält – besonders bei Kleinkindern und älteren Menschen –, gehören umgehend ärztlich abgeklärt.

Häufige Fragen und Antworten

  1. Wie kann ich Milchsäurebakterien in meine Ernährung aufnehmen?
    Sie können Milchsäurebakterien durch den Verzehr von fermentierten Lebensmitteln wie Joghurt, Sauerkraut und Kimchi aufnehmen. Alternativ gibt es Probiotika-Präparate in Form von Kapseln oder Pulvern.
  2. Welche Rolle spielen Milchsäurebakterien für die Hautgesundheit?
    Es gibt Hinweise darauf, dass ein gesunder Darm mit einer ausgewogenen Darmflora sich positiv auf die Hautgesundheit auswirken kann.
  3. Können Milchsäurebakterien bei der Gewichtsabnahme helfen?
    Einige Studien deuten darauf hin, dass eine gesunde Darmflora mit einem normalen Körpergewicht in Verbindung stehen könnte, aber weitere Forschung ist erforderlich.
  4. Kann ich Probiotika während der Schwangerschaft einnehmen?
    Fermentierte Lebensmittel aus hygienisch einwandfreier Herstellung sind in der Schwangerschaft unbedenklich. Probiotische Präparate gelten nach bisherigen Daten als gut verträglich; die Einnahme sollte dennoch mit Ärztin, Arzt oder Apotheke abgesprochen werden.
  5. Gibt es Wechselwirkungen von Milchsäurebakterien mit Medikamenten?
    Antibiotika können die mit einem Präparat eingenommenen Bakterien abtöten; deshalb empfiehlt sich ein Abstand von etwa zwei bis drei Stunden. Wer Medikamente einnimmt, die das Immunsystem unterdrücken, sollte Präparate mit lebenden Bakterien nur nach ärztlicher Rücksprache verwenden.
  6. Was sind Milchsäurebakterien?
    Milchsäurebakterien sind Bakterien, die Zucker zu Milchsäure vergären, etwa Laktobazillen. Sie kommen natürlich in Joghurt, Kefir, Sauerkraut und anderen fermentierten Lebensmitteln vor und sind Teil einer gesunden Darmflora, wo das saure Milieu unerwünschte Keime zurückdrängt.
  7. Was ist eine Milchsäurekur für den Darm?
    Gemeint ist die regelmäßige Aufnahme von Milchsäurebakterien über mehrere Wochen, etwa über fermentierte Lebensmittel oder Präparate, zum Beispiel nach einer Antibiotikabehandlung. Die Wirkung hängt stark vom jeweiligen Bakterienstamm ab, am besten belegt ist die Vorbeugung von Durchfall unter Antibiotika.

Quellen und weiterführende Informationen

Die oben genannten Informationen sind allgemein gehalten und ersetzen nicht die Beratung durch medizinisches Fachpersonal.


Christoph Zauner, Drogist und Inhaber Kräutermax

Über den Autor

Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax

Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.

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