Rotes Weinlaub: Wirkung, Inhaltsstoffe & Anwendung

Rotes Weinlaub Lexikon Bild

Botanik und Beschreibung

Rotes Weinlaub sind die Blätter der Edlen Weinrebe (Vitis vinifera L.) aus der Familie der Weinrebengewächse (Vitaceae). Die Weinrebe ist eine sommergrüne, verholzende Kletterpflanze, die sich mit Ranken festhält und seit Jahrtausenden im Mittelmeerraum, in Vorderasien und in Mitteleuropa kultiviert wird. Ihre Blätter sind langgestielt, handförmig drei- bis fünflappig und am Rand grob gezähnt.

Arzneilich verwendet wird nicht das Laub jeder beliebigen Rebe, sondern das von rotlaubigen Sorten. Bei ihnen färben sich die Blätter im Herbst durch eingelagerte Anthocyane – rote Pflanzenfarbstoffe – kräftig rot. Diese Rotfärbung zeigt einen hohen Gehalt an Farb- und Gerbstoffen an. Gesammelt werden die Blätter, wenn sie ihre Färbung erreicht haben, meist nach der Traubenlese. Anschließend werden sie schonend getrocknet. Für Arzneimittel werden daraus standardisierte Trockenextrakte hergestellt, deren Gehalt an Flavonoiden festgelegt ist.

Nicht zu verwechseln ist Rotes Weinlaub mit Produkten aus Traubenkernen oder -schalen: Diese enthalten zwar verwandte Pflanzenstoffe wie OPC und Resveratrol, sind aber in ihrer Zusammensetzung und Studienlage nicht gleichzusetzen.

Inhaltsstoffe

  • Flavonoide: Die wichtigste Wirkstoffgruppe. Hauptbestandteile sind Quercetin-Glykoside, vor allem Quercetin-3-O-glucuronid und Isoquercitrin. Sie zählen zu den Abkömmlingen des Quercetins.
  • Anthocyane: die roten Farbstoffe, die dem Herbstlaub seine Farbe geben.
  • Gerbstoffe wie Proanthocyanidine mit adstringierenden, also zusammenziehenden Eigenschaften.
  • Weitere Phenole: Phenolcarbonsäuren und in geringen Mengen Stilbene.
  • Organische Säuren wie Wein- und Äpfelsäure.

Die Flavonoide stehen im Mittelpunkt der Forschung. In Labor- und Tierversuchen wirkten sie abdichtend auf die Wände kleiner Blutgefäße und verminderten so den Austritt von Flüssigkeit ins Gewebe. Dass gerade „Antioxidantien“ dabei die entscheidende Rolle spielen, ist eine vereinfachte Vorstellung und beim Menschen nicht belegt.

Heilwirkung

Anwendungsbereiche und gesundheitliche Vorteile:

  • Chronische Veneninsuffizienz – von der EMA aufgrund klinischer Studien als „well-established use“ anerkannt; Extrakte können Beinschwellung, Schwere- und Spannungsgefühl verringern.
  • Schwere, müde Beine – traditionell anerkannt bei Beschwerden durch leichte Durchblutungsstörungen der Venen.
  • Hämorrhoiden – traditionell anerkannt zur Linderung von Juckreiz und Brennen, nachdem ernsthafte Ursachen ärztlich ausgeschlossen wurden.
  • Brüchige Hautkapillaren – traditionell anerkannt bei Symptomen einer erhöhten Brüchigkeit feiner Hautgefäße.
  • Krampfadern – Beschwerden wie Schwellung und Schweregefühl können gelindert werden; bestehende Krampfadern bilden sich dadurch aber nicht zurück.

Was die Studien zeigen

In einer randomisierten, placebokontrollierten Studie (Kiesewetter und Kollegen, 2000) mit 260 Personen mit chronischer Veneninsuffizienz im Stadium I bis beginnend II nahm das Unterschenkelvolumen unter 360 oder 720 mg Rotweinlaub-Extrakt täglich über zwölf Wochen messbar ab, während es unter Placebo leicht zunahm; auch der Wadenumfang verringerte sich. Eine Folgestudie im Überkreuz-Design (Kalus und Kollegen, 2004) fand eine verbesserte Mikrozirkulation und Sauerstoffversorgung der Haut. Eine systematische Übersicht (Azhdari und Kollegen, 2020) wertete fünf Studien aus: Beinvolumen, Wadenumfang, Schwere- und Spannungsgefühl, Kribbeln und Schmerzen besserten sich – allerdings nicht in allen Studien. Die Verträglichkeit wurde als gut beurteilt. Die Autoren halten weitere hochwertige Studien für nötig. Die Studien wurden überwiegend mit einem einzigen, genau definierten Extrakt durchgeführt; ihre Ergebnisse lassen sich nicht auf jede Zubereitung aus Weinlaub übertragen.

Durchblutung und Wadenkrämpfe

Rotes Weinlaub wirkt auf das venöse System und die feinen Gefäße. Bei einer Durchblutungsstörung der Arterien, etwa bei Schaufensterkrankheit, ist es kein geeignetes Mittel. Wadenkrämpfe zählen zu den möglichen Beschwerden einer Venenschwäche; ob Rotes Weinlaub gezielt gegen nächtliche Wadenkrämpfe hilft, ist jedoch nicht eigens untersucht. Gegen Krämpfe aus anderen Ursachen, etwa Magnesiummangel oder Medikamentennebenwirkungen, ist keine Wirkung zu erwarten.

Entzündungen

Entzündungshemmende Eigenschaften der Flavonoide sind vor allem aus Laborversuchen bekannt. Bei einer akuten Venenentzündung mit geröteter, überwärmter und schmerzhafter Vene ist Rotes Weinlaub keine Selbstbehandlung – hier ist ärztliche Abklärung nötig. Allgemeine Informationen zu Entzündungen im Körper finden Sie in unserem Lexikon.

Anwendung und Dosierung

  • Kapseln und Tabletten mit Trockenextrakt: In Studien wurden 360 bis 720 mg Extrakt einmal täglich eingenommen. Die Dosierung richtet sich nach der Packungsbeilage.
  • Dauer: Die Wirkung setzt nicht sofort ein. Laut EMA beträgt die empfohlene Behandlungsdauer bei chronischer Veneninsuffizienz zwölf Wochen, eine längere Anwendung nach ärztlicher Rücksprache. Bei leichten venösen Beschwerden sollte nach zwei Wochen ohne Besserung, bei Hämorrhoiden oder brüchigen Hautkapillaren nach einer Woche ärztlicher Rat eingeholt werden.
  • Tee: Ein Aufguss aus getrockneten Blättern ist volksmedizinisch üblich. Der Wirkstoffgehalt ist jedoch deutlich geringer und schwankender als bei standardisierten Extrakten, auf die sich die Studien beziehen.
  • Äußerlich: Gele und Cremes mit Weinlaubextrakt werden kühlend auf die Beine aufgetragen. Für die äußerliche Anwendung liegen deutlich weniger Daten vor.
  • Kompression und Bewegung bleiben Grundlage: Kompressionsstrümpfe, Gehen, Beine hochlagern, kalte Güsse und Gewichtsreduktion sind bei Venenschwäche wichtiger als jedes Pflanzenmittel. Rotes Weinlaub ersetzt eine verordnete Kompressionstherapie nicht.

Ähnlich eingesetzt werden Rosskastanie, Buchweizenkraut und äußerlich Hamamelis.

Geschichte und Überlieferungen

Die Weinrebe zählt zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. Ihre Blätter wurden im Mittelmeerraum seit jeher auch gegessen – etwa gefüllt oder als Umhüllung für Speisen – und in der Antike als kühlende Auflage bei Entzündungen und Kopfschmerzen beschrieben. Wegen ihres Gerbstoffgehalts setzte die Volksheilkunde Weinlaub zudem bei Durchfall und zur Blutstillung ein.

Die gezielte Verwendung des roten Herbstlaubs bei Venenleiden ist vor allem aus der französischen Volksmedizin überliefert, wo „vigne rouge“ bei schweren Beinen und Hämorrhoiden traditionell verwendet wurde. Im 20. Jahrhundert wurden daraus standardisierte Extrakte entwickelt und in klinischen Studien geprüft. Heute ist Rotes Weinlaub eines der bekanntesten pflanzlichen Venenmittel in Europa.

Gegenanzeigen und Wechselwirkungen

  • Nebenwirkungen: Laut EMA können allergische Hautreaktionen mit Juckreiz und Rötung, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen auftreten; die Häufigkeit ist nicht bekannt.
  • Kinder und Jugendliche: Laut EMA nur für Erwachsene vorgesehen.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Mangels ausreichender Daten nicht empfohlen. Bei Beinschwellungen in der Schwangerschaft bitte ärztlich beraten lassen, siehe auch Wassereinlagerungen.
  • Allergie: Bei bekannter Überempfindlichkeit gegen Weinrebe oder Weinlaub nicht anwenden.
  • Wechselwirkungen: Bisher sind keine Wechselwirkungen bekannt. Wer Gerinnungshemmer oder andere Dauermedikamente einnimmt, sollte die Anwendung dennoch in Apotheke oder Arztpraxis abstimmen.

Wann zum Arzt?

Sofort ärztlich abklären lassen sollten Sie eine plötzliche, meist einseitige Beinschwellung mit Schmerz, Spannungsgefühl, Rötung oder Überwärmung – sie kann auf eine Thrombose hinweisen. Ebenso gehören Schwellungen beider Beine bei Herz- oder Nierenerkrankungen, Hautveränderungen und offene Stellen an den Unterschenkeln sowie Blut im Stuhl in ärztliche Hände.

Regulatorische Einordnung in der EU

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat für Weinrebenblätter (Vitis viniferae folium) eine Monographie erstellt. Die Behandlung der chronischen Veneninsuffizienz ist dort als „well-established use“ eingestuft, also durch Studien gestützt. Schwere Beine bei leichten venösen Durchblutungsstörungen, Juckreiz und Brennen bei Hämorrhoiden sowie brüchige Hautkapillaren gelten als traditionelle Anwendungen. Für Lebensmittel und Nahrungsergänzungsmittel sind für Weinlaub in der EU keine gesundheitsbezogenen Angaben zugelassen.

Häufige Fragen und Antworten

  1. Kann rotes Weinlaub bei Krampfadern helfen?
    Rotes Weinlaub kann Beschwerden einer Venenschwäche wie Beinschwellung, Schwere- und Spannungsgefühl lindern; für standardisierte Extrakte bei chronischer Veneninsuffizienz ist das durch Studien gestützt. Bestehende Krampfadern bilden sich dadurch nicht zurück. Kompressionsstrümpfe und Bewegung bleiben die Grundlage der Behandlung.
  2. Gibt es Nebenwirkungen bei der Anwendung von rotem Weinlaub?
    Rotes Weinlaub gilt als gut verträglich. Laut Europäischer Arzneimittelagentur (EMA) können allergische Hautreaktionen mit Juckreiz und Rötung, Übelkeit, Magen-Darm-Beschwerden und Kopfschmerzen auftreten; die Häufigkeit ist nicht bekannt.
  3. Wie wird rotes Weinlaub am besten angewendet?
    Am besten untersucht sind Kapseln oder Tabletten mit standardisiertem Trockenextrakt; in Studien wurden 360 bis 720 mg einmal täglich eingenommen, die genaue Dosierung steht in der Packungsbeilage. Die Wirkung setzt erst nach einigen Wochen ein, die EMA nennt bei chronischer Veneninsuffizienz eine Behandlungsdauer von zwölf Wochen. Tee und Gele sind weniger gut untersucht.
  4. Kann rotes Weinlaub in der Schwangerschaft verwendet werden?
    Mangels ausreichender Daten wird die Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit nicht empfohlen. Bei Beinschwellungen in der Schwangerschaft bitte ärztlich beraten lassen – Kompressionsstrümpfe, Bewegung und Hochlagern der Beine sind hier die erste Wahl.
  5. Welche Wirkstoffe enthält rotes Weinlaub?
    Rotes Weinlaub enthält vor allem Flavonoide, insbesondere Quercetin-Glykoside wie Quercetin-3-O-glucuronid und Isoquercitrin, außerdem Anthocyane und Gerbstoffe. In Versuchen wirken die Flavonoide abdichtend auf die Wände kleiner Blutgefäße. Standardisierte Extrakte sind von der EMA zur Behandlung der chronischen Veneninsuffizienz anerkannt, traditionell auch bei schweren, müden Beinen.

Quellen und weiterführende Informationen

Die oben genannten Informationen sind allgemein gehalten und ersetzen nicht die Beratung durch medizinisches Fachpersonal.


Christoph Zauner, Drogist und Inhaber Kräutermax

Über den Autor

Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax

Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.

Die bereitgestellten Informationen dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.