Passionsblume: Wirkung, Inhaltsstoffe & Anwendung

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Botanik und Beschreibung

Die arzneilich verwendete Passionsblume ist die Fleischfarbene Passionsblume (Passiflora incarnata L.) aus der Familie der Passionsblumengewächse (Passifloraceae). Anders als oft angenommen stammt sie nicht aus Süd- oder Mittelamerika, sondern aus dem Südosten Nordamerikas, wo sie von Virginia bis Florida und Texas an Waldrändern, Zäunen und auf Brachflächen wächst. Die Gattung Passiflora umfasst insgesamt mehrere hundert Arten, die meisten davon in den tropischen Regionen Amerikas – darunter auch die Maracuja (Passiflora edulis), deren Früchte gegessen werden, die aber arzneilich keine Rolle spielt.

Passiflora incarnata ist eine ausdauernde Kletterpflanze, die sich mit Ranken an ihrer Umgebung festhält und mehrere Meter lang wird. Die Blätter sind meist dreilappig und fein gesägt. Von etwa Juni bis September erscheinen die auffälligen, mehrere Zentimeter großen Blüten: weiße bis zartviolette Blütenblätter, darüber ein Kranz aus zahlreichen gewellten, violett und weiß gebänderten Fäden, in der Mitte die markante Säule mit Staubblättern und drei Narben. Daraus entwickeln sich eiförmige, gelbgrüne, essbare Früchte, die in Nordamerika „Maypop“ genannt werden.

Arzneilich verwendet wird das Passionsblumenkraut (Passiflorae herba), also die oberirdischen Teile, die während der Blüte- und Fruchtzeit geerntet und getrocknet werden. Die Droge stammt überwiegend aus Anbau.

Inhaltsstoffe

  • Flavonoide als wichtigste Stoffgruppe, vor allem C-Glykoside von Apigenin und Luteolin wie Vitexin, Isovitexin, Orientin, Isoorientin, Swertisin und Schaftosid. Das Europäische Arzneibuch verlangt einen Mindestgehalt an Gesamtflavonoiden.
  • Harmanalkaloide wie Harman und Harmin – entgegen älteren Angaben allerdings nur in Spuren oder gar nicht nachweisbar; für die Wirkung gelten sie daher als unbedeutend.
  • Cyanogene Glykoside (unter anderem Gynocardin) in sehr geringer Menge.
  • Weitere Bestandteile wie Maltol, Aminosäuren, Zucker und Spuren von ätherischem Öl.

Welche Stoffe die beruhigende Wirkung genau tragen, ist nicht abschließend geklärt. Vermutet wird ein Zusammenspiel mehrerer Inhaltsstoffe. In Laborversuchen beeinflussen Extrakte unter anderem das GABA-System, also jenes Botenstoffsystem, über das auch viele Beruhigungsmittel wirken.

Heilwirkung

Anwendungsbereiche und gesundheitliche Vorteile:

  • Stress und nervöse Unruhe – von der EMA als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung leichter Symptome von psychischem Stress anerkannt.
  • Schlafstörungen – ebenfalls traditionell anerkannt als Einschlafhilfe; in einer kleinen Studie verbesserte Passionsblumentee die subjektive Schlafqualität.
  • Angstzustände – kleine klinische Studien zeigen Hinweise auf eine angstlösende Wirkung, etwa vor Operationen; die Beweislage gilt jedoch als unzureichend.
  • Menopause – volksmedizinisch bei nervösen Begleiterscheinungen der Wechseljahre eingesetzt; eine Wirkung auf Hitzewallungen und nächtliche Schweißausbrüche ist nicht belegt.
  • Muskelkrämpfe – traditionell als leicht krampflösend beschrieben, etwa bei Muskelverspannungen; klinische Belege fehlen.
  • Verdauungsprobleme – bei nervös bedingten Magen-Darm-Beschwerden oder Reizdarm wird sie wegen ihrer entspannenden Wirkung mitverwendet; eigene Studien dazu fehlen.

Passionsblume als pflanzliches Beruhigungsmittel

Am besten abgesichert ist die Anwendung bei leichter nervöser Unruhe, Anspannung und Einschlafproblemen. Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur hat das Passionsblumenkraut in einer Monographie als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung leichter Symptome von psychischem Stress und als Einschlafhilfe eingestuft. Auch die deutsche Kommission E hatte es zuvor bei nervösen Unruhezuständen positiv bewertet. „Traditionell“ bedeutet dabei: Die Anwendung ist über Jahrzehnte belegt und plausibel, eine Wirksamkeit im Sinne großer klinischer Studien ist damit aber nicht nachgewiesen. Passionsblume macht nach heutigem Wissen nicht abhängig und wird häufig mit Baldrian, Melisse, Lavendel oder Hopfen kombiniert.

Passionsblume bei Angst

Bei Angst gibt es einige kleine, aber interessante Studien. In einer Pilotstudie von Akhondzadeh und Kollegen (2001) mit Patienten mit generalisierter Angststörung war ein Passionsblumenextrakt über vier Wochen ähnlich wirksam wie das Beruhigungsmittel Oxazepam, verursachte aber weniger Beeinträchtigungen bei der Arbeitsleistung. In einer weiteren Studie verringerte Passionsblume vor ambulanten Operationen die Angst im Vergleich zu Placebo. Eine Cochrane-Übersicht kam 2007 dennoch zu dem Schluss, dass die Datenlage für eine Empfehlung bei Angststörungen nicht ausreicht. Bei leichter Prüfungsangst oder Lampenfieber kann ein Versuch sinnvoll sein; eine Angststörung oder Panikattacken gehören in ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Wirkung auf Psyche und Depression

Passionsblume wirkt beruhigend und ausgleichend, ist aber kein Antidepressivum. Für eine Wirkung bei Depressionen gibt es keine gesicherten Belege. Wer über Wochen niedergeschlagen, antriebslos oder hoffnungslos ist, sollte ärztliche Hilfe suchen, statt sich allein auf Pflanzenmittel zu verlassen.

Anwendung und Dosierung

Die folgenden Angaben gelten für Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren und orientieren sich an der europäischen Monographie:

  • Tee: 1 bis 2 Gramm (etwa ein Teelöffel) zerkleinertes Passionsblumenkraut mit 150 Milliliter kochendem Wasser übergießen, rund zehn Minuten ziehen lassen und abseihen. Ein- bis viermal täglich eine Tasse trinken; als Einschlafhilfe etwa eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen.
  • Tropfen, Tabletten und Kapseln: Fertigpräparate mit Trockenextrakt oder Fluidextrakt nach Packungsbeilage einnehmen. Pflanzliche Arzneimittel mit Passionsblume sind in der Apotheke erhältlich.
  • Wirkungseintritt: Eine entspannende Wirkung wird häufig nach etwa einer halben bis einer Stunde bemerkt; bei Schlafproblemen zeigt sich der Nutzen oft erst nach einigen Tagen regelmäßiger Anwendung.
  • Dauer: Halten die Beschwerden länger als zwei Wochen an oder verschlechtern sie sich, ärztlichen Rat einholen.
  • Verkehrstüchtigkeit: Da Müdigkeit möglich ist, sollte man nach der Einnahme zunächst prüfen, wie man darauf reagiert, bevor man Auto fährt oder Maschinen bedient.

Geschichte und Überlieferungen

Indigene Völker im Südosten Nordamerikas nutzten die Passionsblume als Nahrungs- und Heilpflanze; die Früchte wurden gegessen, Wurzeln und Kraut als Heilmittel verwendet. Ihren Namen verdankt die Gattung spanischen Missionaren, die im 16. und 17. Jahrhundert in den amerikanischen Passionsblumen die Leidenswerkzeuge Christi zu erkennen glaubten: der Fadenkranz als Dornenkrone, die drei Narben als Nägel, die fünf Staubblätter als Wundmale und die zehn Blütenblätter als die Apostel ohne Judas und Petrus. Die „Blume der Passion“ wurde so zu einem Symbol der Mission.

In Europa wurde die Passionsblume zunächst als exotische Zierpflanze bekannt. Als Beruhigungsmittel fand Passiflora incarnata im 19. Jahrhundert über die nordamerikanische Medizin Eingang in den europäischen Arzneischatz und gehört seitdem zu den klassischen pflanzlichen Beruhigungsmitteln, oft in Kombination mit Baldrian, Melisse und Hopfen.

Gegenanzeigen und Wechselwirkungen

  • Häufigste Nebenwirkungen: Gelegentlich treten Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel oder Konzentrationsstörungen auf, selten Übelkeit. Sehr selten wurden Überempfindlichkeitsreaktionen beschrieben.
  • Leber: Es gibt vereinzelte Fallberichte über Leberschäden, meist im Zusammenhang mit Kombinationspräparaten; ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht gesichert. Bei Lebererkrankungen die Einnahme ärztlich besprechen und bei Gelbfärbung der Haut, dunklem Urin oder Oberbauchschmerzen sofort beenden.
  • Gewichtszunahme: Eine Gewichtszunahme ist als Nebenwirkung der Passionsblume nicht beschrieben.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Da ausreichende Daten fehlen, wird von der Anwendung abgeraten.
  • Kinder: Für Kinder unter 12 Jahren wird die Anwendung mangels Daten nicht empfohlen.
  • Wechselwirkungen: Passionsblume kann die Wirkung von Beruhigungs- und Schlafmitteln, etwa Benzodiazepinen, sowie von Alkohol verstärken. Eine gleichzeitige Einnahme nur nach ärztlicher Rücksprache. Vor einer geplanten Narkose sollte die Einnahme angegeben werden.
  • Abgrenzung: Nicht mit anderen Passiflora-Arten verwechseln; Blätter und unreife Früchte mancher Zierarten können deutlich mehr cyanogene Glykoside enthalten und eignen sich nicht zur Selbstanwendung.

Regulatorische Einordnung in der EU

Für das Passionsblumenkraut gibt es eine Monographie des HMPC der Europäischen Arzneimittel-Agentur, zuletzt 2014 überarbeitet. Sie ordnet es als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung leichter Symptome von psychischem Stress und als Einschlafhilfe ein, für Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren. Pflanzliche Arzneimittel mit Passionsblume sind in der Apotheke erhältlich. Zugelassene gesundheitsbezogene Angaben für Lebensmittel gibt es für die Passionsblume nicht.

Häufige Fragen und Antworten

  1. Ist Passionsblume süchtig machend?
    Nein, Passionsblume gilt als nicht süchtig machend.
  2. Wie lange dauert es, bis Passionsblume wirkt?
    Die Wirkung kann von Person zu Person unterschiedlich sein, aber viele Menschen berichten von einer spürbaren Entspannung innerhalb von 30 Minuten bis zu einer Stunde nach der Einnahme.
  3. Kann ich Passionsblume mit anderen Kräutern kombinieren?
    Ja, Passionsblume wird häufig mit anderen beruhigenden Heilpflanzen wie Baldrian, Melisse, Lavendel oder Hopfen kombiniert. Bei gleichzeitiger Einnahme von Beruhigungs- oder Schlafmitteln vorher ärztlich Rücksprache halten.
  4. Kann Passionsblume bei Kindern sicher angewendet werden?
    Die europäische Monographie sieht Passionsblume für Erwachsene und Jugendliche ab 12 Jahren vor. Für jüngere Kinder liegen keine ausreichenden Daten vor, daher wird die Anwendung dort nicht empfohlen bzw. nur nach ärztlichem Rat.
  5. Kann Passionsblume bei Stimmungstiefs helfen?
    Passionsblume wird hauptsächlich zur Linderung von Stress, Angst und Schlafstörungen eingesetzt. Bei anhaltenden Stimmungstiefs ist professionelle medizinische Unterstützung empfehlenswert.
  6. Kann Passionsblume Leberschäden verursachen?
    Es gibt vereinzelte Fallberichte über Leberschäden, meist im Zusammenhang mit Kombinationspräparaten, ein ursächlicher Zusammenhang ist nicht gesichert. Insgesamt gilt Passionsblume als gut verträglich. Bei Lebererkrankungen sollte die Einnahme ärztlich besprochen werden, bei Gelbfärbung der Haut oder dunklem Urin ist sie sofort zu beenden.
  7. Welche Nebenwirkungen hat Passionsblume?
    Gelegentlich treten Müdigkeit, Benommenheit oder Schwindel auf. Passionsblume kann die Wirkung von Beruhigungs- und Schlafmitteln sowie von Alkohol verstärken. In Schwangerschaft und Stillzeit wird von der Anwendung abgeraten, da ausreichende Daten fehlen.
  8. Hilft Passionsblume bei Depressionen?
    Passionsblume wird traditionell bei nervöser Unruhe, leichter Anspannung und Einschlafproblemen eingesetzt. Für eine Wirkung bei Depressionen gibt es keine gesicherten Belege. Eine Depression gehört immer in ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.

Quellen und weiterführende Informationen

Die oben genannten Informationen sind allgemein gehalten und ersetzen nicht die Beratung durch medizinisches Fachpersonal.


Christoph Zauner, Drogist und Inhaber Kräutermax

Über den Autor

Christoph Zauner – Drogist & Inhaber Kräutermax

Dieser Beitrag wurde fachlich von Christoph Zauner, Drogist und Inhaber der Drogerie Kräutermax in Ried im Innkreis, erstellt bzw. geprüft. Kräutermax verbindet seit 1890 traditionelles Kräuterwissen mit moderner Fachberatung und sorgfältiger Produktauswahl. Ziel unserer Lexikonbeiträge ist es, verständliche Informationen zu Pflanzen, Inhaltsstoffen und traditionellen Anwendungen bereitzustellen – sachlich, verantwortungsvoll und ohne übertriebene Versprechen.

Die bereitgestellten Informationen dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzen keine ärztliche Diagnose oder Behandlung.